China Drifting Festival 2014

Chinas Indie-Musikszene wächst und gedeiht – dieser Meinung ist auch das Team hinter dem China Drifting Festival und holt daher hochkarätige chinesische Indie-Acts nach Europa. Nach zwei Kick-Off-Shows in Beijing und Shanghai, den Home-Bases der teilnehmenden Bands, tourte die Event-Reihe durch fünf europäische Städte. Berlin gehörte zu diesen glücklichen Veranstaltungsorten und so ließen für einen Abend drei der vielversprechendsten chinesischen Bands den Boden der Hauptstadt beben.

Ich wollte als großer Fan und immerhin gelegentlich aktiver Musiker die Veranstaltung natürlich nicht missen. Um so angenehmer war es daher, dass wir vom freundlichen Veranstalterteam von Miro China aus der Schweiz mit offenen Armen empfangen wurden. Duck Fight Goose (鸭打鹅) aus Shanghai und Re-TROS (重塑雕像的权利) sowie Pet Conspiracy (宠物同谋) aus Beijing standen auf dem Programm. Re-TROS habe ich in Beijing sogar schon einmal live erlebt und war tief beeindruckt von der packenden Live-Performance. Die Menge war damals im fast schon legendären Beijinger Club Yu Gong Yi Shan ( 愚公移山) geradezu hypnotisiert und tanzte sich, von den treibenden Rythmen und der Ausstrahlung des Trios in Trance gesetzt, durch den Abend. Doch war das natürlich ein Heimspiel, und ich war gespannt, ob sie in Berlin genau so überzeugen könnten.

Duck Fight Goose machen den Auftakt

In erfahrener Konzertgängermanier tauchte ich also eine gute Stunde nach Veranstaltungsbeginn im Berliner Club Globus auf und verpasste prompt die erste Band. Ich machte im Kopf kurz die Schweizer Veranstalter verantwortlich, gestand mir dann aber doch meinen Fehler ein. Dafür recherchierte ich noch einmal extra im Internet, was ich mir bei Duck Fight Goose entgehen lassen habe. Die Combo aus Shanghai hat glücklicherweise viele Videos von sich veröffentlicht (zum Beispiel hier und hier), zudem hervorragend produzierte Aufnahmen auf ihrer Douban-Page. Was sich mir als Zuhörer auftat, war oft energiegeladener, aber auch mal atmosphärischer Prog-Rock, mit Einflüssen, die von Rock über Electronica bis hin zu Nintendocore reichen dürften. Das nächste mal werde ich eine Live-Performance von Duck Fight Goose auf jeden Fall mitnehmen.

Im Globus, einem Teil des Berliner Tresor-Clubs, konnte ich dafür während der Umbaupause die Location so richtig auf mich wirken lassen. Das neue Zuhause des geschichtsträchtigen Technoladens fühlte sich sehr “Berlin” an und eignete sich ausgezeichnet als Veranstaltungsort. Im Eingangsbereich gab es sogar gedämpfte Maultaschen und eine interessante Interpretation handgezogener Lamian. Der Laden war nicht knackevoll aber doch angenehm gefüllt, die Stimmung gut.

Re-TROS und Punk außerhalb der Schubfächer

Kurz nachdem Re-TROS die Bühne betraten, wurde mir klar: Egal ob in Beijing oder Berlin, diese Band enttäuscht nicht. Ihre Musik würde ich vielleicht als progressiven Indie-Electro-Punk mit unerwarteten, akustisch-perkussiven Elementen beschreiben. Diese Gruppe lässt sich wirklich nur schwer auch nur annähernd in irgendwelche Schubfächer stecken. Generell schienen die drei Bandmitglieder von jeglichen Regeln des Songwritings unberührt Musik so herüberzubringen, wie es ihnen passt. Dass die Stimmen wie gleichberechtigte Instrumente wirkten, ist nur eines von vielen guten Beispielen. Überhaupt war ich oft positiv überrascht von dem, was Re-TROS in ihrem von langen, aber kraftvollen und sehr direkten, emotionalen Songs durchspickten Set spielten. Insgesamt ziemlich Punk, obwohl es kaum direkt nach Punk klang. Das Publikum rastete zwar nicht aus, wirkte aber trotzdem überwiegend so begeistert wie ich. Mein persönlicher Favorit aus dem Set in Beijing 2011 und Berlin 2014: Up Next Bela Lugosi’s Back. Der kommt live aber deutlich ausdrucksvoller als auf der Aufnahme.

Pet Conspiracy machen den “Abriss”

Als dritter Act kamen Pet Conspiracy auf die Bühne. Die vier Bandmitglieder, Mädels und Jungs gemischt, Laowai (ich habe beschlossen, dass Laowai auch in Berlin als Laowai zu bezeichnen sind) darunter, weckten bevor der erste Ton gespielt wurde schon durch ihr Aussehen Interesse. Die Performance lässt sich wohl am besten mit dem Wort “Abriss” beschreiben. Von Rock war, trotz gelegentlicher Riffs des Gitarristen (aber mehr DJs und Keyboarders) Huzi, nicht sehr viel zu hören, dafür aber um so intensivere, treibende Beats. Bei pulsierenden Bässen und Sounds, die aus der gar nicht mehr weit so entfernteren Trance- und Techno-Welt herübergeflogen kamen, schwang sogar der ein oder andere Veranstaltungsgast das Tanzbein. Dass die zwei Sängerinnen der Band Vollgas auf der Bühne gaben, hat mit Sicherheit hierzu beigetragen. Im Gegensatz zu Re-TROS, standen hier hin und wieder auch chinesische Texte im Vordergrund. Ich hörte Ähnlichkeiten zu Bands wie the Ting Tings und Scooter und war nach dem Auftritt gut unterhalten und leicht verwirrt. Mir persönlich gefiel die Energie auf der Bühne sehr, doch musikalisch fühlte ich mich bei einigen der Songs in einen chinesischen Frisörsalon versetzt. Ich empfehle allen Interessierten auf jeden Fall, bei Pet Conspiracy reinzuhören!

Im Anschluss legten sogar kurzerhand noch DJs auf, die gerade noch an der Gitarre auf der Bühne gestanden hatten. Überhaupt war der Berlin-Stop des China Drifting Festivals 2014 eine voll und ganz gelungene Veranstaltung. Es ist großartig, dass sich Künstler, Organisatoren und Besucher für Events finden, die zeitgenössische chinesische Musik abseits des großen Kommerz-Radars auf internationale Bühnen bringen. Ich hoffe auf eine Wiederholung im nächsten Jahr und möchte allen Lesern ans Herz legen, mehr über das China Drifting Festival und die Bands in Erfahrung zu bringen.

https://www.facebook.com/ChinaDrifting

http://china-drifting.ch/

http://site.douban.com/duckfightgoose/

http://site.douban.com/retros/

http://site.douban.com/petconspiracy/

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sinonerds-Autor*in

Arseny Knaifel

Arseny Knaifel hat Chinastudien in Berlin und Peking studiert und ist Gründer und Rapper in Chinas deutschester Band Feichang Fresh. Nach einem turbulenten Jahr in einer chinesischen Agentur für Social Media Marketing, ist er aktuell als Filmemacher in Berlin und der Welt unterwegs.

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