Das Lektorenprogramm der Robert Bosch Stiftung in Asien

Alle Berufseinsteiger, die sich für Bildungsarbeit und Projektmanagement in China interessieren, sollten sich diese Infos nicht entgehen lassen 

Maike Thomas hat in Magdeburg und Leipzig Psychologie studiert und ist seit über 16 Monaten mit dem Lektorenprogramm der Robert Bosch Stiftung in China. Ihr erstes Jahr als Lektorin hat sie in Chongqing verbracht. Seit sie auch Regionalkoordinatorin des Programms für China ist, lebt und arbeitet sie in Beijing. sinonerds-Autorin Jana hat sie in der chinesischen Hauptstadt zum Gespräch getroffen, um mehr über das Programm und Maikes individuelle Erfahrungen damit herauszufinden.

sinonerds: Hallo Maike. Du bist nun schon seit anderthalb Jahren mit dem Lektorenprogramm in China. Was hat dich ursprünglich bewogen, dich für dieses Programm zu bewerben?

Maike Thomas: Vor zwei Jahren habe ich mich mit der Idee beworben, eine spannende Auslandserfahrung mit dem Thema Bildung zu verknüpfen. Sowohl den Lehrauftrag an der Universität als auch die Möglichkeit, eigene Bildungsprojekte zu starten, fand ich attraktiv. Einen ausgeprägten China-Fokus hatte ich nicht, ich war bis dahin nur einmal im Urlaub in China. Das Land hat mich aber bei meinem Besuch fasziniert und wegen seiner globalen Bedeutung gereizt.

Maike beim Winterspaziergang in den Pekinger Hutong.

Lehren an einer chinesischen Universität ist ja nicht ohne. Musstest du dafür entsprechende Lehrerfahrungen – wie zum Beispiel Qualifikationen im Bereich Deutsch als Fremdsprache (DaF) – mitbringen?

Ich hatte schon ein wenig Erfahrung, beispielsweise habe ich in der Vergangenheit schon als DaF-Lehrerin für Geflüchtete gearbeitet. Allgemein sind die Vorerfahrungen der Teilnehmer des Lektorenprogramms aber sehr unterschiedlich. Manche bringen DaF-Erfahrungen oder sogar einen entsprechenden Studienhintergrund mit. Andere sind Neulinge in dem Bereich.

Dein aktueller Einsatzort ist die Beijing Foreign Studies University 北京外国语大学. Dein erstes Jahr im Programm hast du in Chongqing an der Sichuan International Studies University 四川外国语大学 verbracht. Wie unterscheiden sich diese Standorte?

Erst einmal befinden sich beide Städte in sehr unterschiedlichen Regionen. Peking ist die Hauptstadt und das politische Zentrum des Landes. Das grundsätzliche Stadtgefühl dort ist sehr anders als in Chongqing. Chongqing ist eine sehr spannende Stadt, mit einer besonderen Geographie und Geschichte. Als erste Station in China ist sie aber herausfordernder als das international geprägte Peking.

In Chongqing hat man wirklich das Gefühl in eine fremde Welt hineingeworfen zu werden. Gleichzeitig begegnet einem dort eine unverstellte Offenheit, die mir sehr gut gefallen hat. Als Ausländerin bekommt man viel Aufmerksamkeit und wird oft angestarrt. Das ist zwar nicht immer so angenehm, andererseits habe ich dann, wenn ich aktiv mit den Leuten in Kontakt getreten bin, in der Regel eine große Freundlichkeit und echtes Interesse erlebt.

Sind dir im Uni-Kontext größere Unterschiede zwischen Chongqing und Beijing aufgefallen?

Das universitäre Leben war an beiden Standorten – zumindest aus meiner Perspektive – ziemlich ähnlich. Das ist aber vielleicht auch deswegen so, weil sich der Universitätsalltag in China generell sehr stark von dem deutschen Universitätsalltag unterscheidet und innerhalb Chinas die Unterschiede dann nicht mehr so signifikant wirken.

Welche Unterschiede zwischen Deutschland und China haben deine persönliche Erfahrung an der chinesischen Universität denn besonders geprägt?

Die chinesischen Studierenden, die mir begegnet sind, waren oft fleißig und interessiert. Sie waren engagiert darin, sich mit Deutschland auseinanderzusetzen. Es ist ein Land, das ihnen wohl genauso fremd erscheint, wie den Deutschen China. Auf der anderen Seite waren sie sehr an einen Bildungsweg gewöhnt, der ihnen viel vorgibt. Der Lehrer ist eher ein Informationsvermittler und die Aufnahme von Informationen steht mehr im Vordergrund als das eigenständige Erarbeiten oder Diskussionen dazu.

Auch die Beziehung zwischen den Dozenten und den Studierenden gestaltet sich anders als in Deutschland. Die Beziehung dringt stärker in die persönliche Sphäre ein. So kommt es zum Beispiel vor, dass Studierende sich beim Dozenten Rat zu privaten Problemen einholen. Generell findet eine Trennung zwischen Privatem und Beruflichem in China viel weniger statt als in Deutschland.

Die Teilnehmer des Lektorenprogramms der Robert Bosch Stiftung werden in China in unterschiedlichen Städten platziert. Ist da ein intensiver Austausch zwischen den Lektoren möglich oder überhaupt erwünscht?

Im Lektorenprogramm geht es nicht nur um Lehre und Projektarbeit an den individuellen Standorten. Das Programm hat die Persönlichkeitsentwicklung und Berufsqualifizierung seiner Teilnehmer zum Ziel. Fortbildungseinheiten – meistens wöchentliche Seminare – sind deshalb integraler Bestandteil. Dort nehmen dann nicht nur die Lektoren teil, die aus Deutschland, Österreich und der Schweiz kommen, sondern auch lokale Lektoren. Diese stammen aus China und den anderen Programmländern Südkorea, Thailand, Indonesien und Vietnam.

 

Lektorenprogramm der Robert Bosch Stiftung, Kreisau, Juli 2014, Jan Zappner

Bist Du bereit für die Klasse? © Robert Bosch Stiftung

Zusammen bilden wir ein gutes Netzwerk und wir achten darauf, uns untereinander auszutauschen. Für mich persönlich ist das ein besonders schöner Bestandteil des Programms. Ich habe dadurch Menschen getroffen, die zum Teil ganz andersartige Lebensläufe haben als ich selbst, aber ähnliche Ideale und Interessen.

Worauf konzentrieren sich diese Fortbildungen inhaltlich?

Die Fortbildungen konzentrieren sich auf Bereiche des Projektmanagements, die auch für unsere Arbeit vor Ort relevant sind. Darüber hinaus gibt es einige Wahl-Seminare mit unterschiedlichen Themenschwerpunkten, wie Fundraising und Wissensmanagement. Außerdem bietet das Lektorenprogramm der Robert Bosch Stiftung die Möglichkeit an einem individuellen Coaching teilzunehmen. Um den Übergang vom Lektorat in das anschließende Berufsleben professionell zu begleiten, wurde zudem ein Mentoring-Programm ins Leben gerufen, welches jedem Teilnehmer einen Mentor zur Seite stellt. Diese Mentoren rekrutieren sich aus ehemaligen Programmteilnehmern und sind ein gutes Beispiel für den nachhaltigen Erfolg des zum Lektorenprogramm gehörigen Netzwerks.

Danke Maike, für dieses aufschlussreiche Gespräch!

Für alle potentiellen Bewerber:
Das Lektorenprogramm der Robert Bosch Stiftung in Asien in vier Punkten

  1. Tätigkeiten im Lektorenprogramm
    Das Lektorenprogramm verzahnt Berufsqualifizierung mit Persönlichkeitsentwicklung. Die Teilnehmer aus Deutschland, Österreich und der Schweiz übernehmen zum einen eine Lehrtätigkeit von sechs Semesterwochenstunden an einer asiatischen Partneruniversität und tauchen so in eine unbekannte Arbeitskultur ein. Zum anderen nehmen die Teilnehmer an der berufsbegleitenden Weiterbildung „Projektmanagement“ teil, die befähigt auf gesellschaftlich relevante Fragen zu reagieren. Weiterhin steht den Teilnehmern ein individuelles Coaching zur Verfügung, das persönliche Fragen und Potentiale aufgreift.
  2. Höhe und Dauer der Förderung
    Als deutscher, österreichischer oder schweizer Teilnehmer des Lektorenprogramms der Robert Bosch Stiftung in Asien gilt man als Stipendiat. Man bekommt ein Grundstipendium von monatlich 1000 Euro sowie Kostenerstattungen für Reisen und Weiterbildungen. Teilweise stehen auch Mittel für Sprachkurse und Lehrmaterialien zu Verfügung. Die Stipendiendauer beträgt 1-2 Jahre.
  3. Standort des Lektorats
    Eine Übersicht der aktuell bestehenden Lektorate kannst Du hier einsehen (einfach herunterscrollen). Die Standorte für das kommende Programmjahr stehen aber erst im April fest, wenn die Bewerbungsgespräche stattfinden. In der Bewerbung kann man angeben, welches Einsatzland man sich wünscht.
  4. Bewerbung
    Bis zum 28. Februar 2018 kann man sich für das Lektoratsjahr 2018/2019 bewerben. Alle wichtigen Informationen zu den Voraussetzungen und dem Bewerbungsablauf kannst Du hier finden.

Titelbild © Robert Bosch Stiftung; Bild von Maike Thomas © Jana Brokate. sinonerds sagt ein herzliches Dankeschön an die Robert Bosch Stiftung für die Infos und Bilder!

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sinonerds-Autor*in

Jana Brokate

Schulbesuch in Beijing, Studentenleben in Guangzhou, Sinologiestudium in Berlin, unterschiedlichste Chinareisen und Projekte mit Chinabezug – Janas Erfahrungen bezüglich dem Land der Mitte sind vielfältig. Ihren Horizont erweitert sie am liebsten mit Sprachenlernen, Reisen und Fragen stellen.

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