Ein Königreich für Gummistiefel

Der Film Wangdrak's Rain Boots bietet leichte Kost, aber gleichzeitig gute Unterhaltung für ein junges Publikum

Im Programm der Kategorie Generation KPlus hatte die Berlinale auch den tibetischsprachigen Film Wangdrak’s rain boots (旺扎的雨靴) zu bieten. Wie sich vermuten lässt, spielt das Schuhwerk im Alltag des Protagonisten eine ausgesprochen wichtige Rolle. Die Lebensumstände in einem Dorf in einer tibetischen Region Chinas rücken dabei eher in den Hintergrund.

In der Berglandschaft von Tibet haben die Menschen ein gespaltenes Verhältnis zum Regen. Einerseits brauchen sie ihn zur Bewässerung der Felder, aber kurz vor der Ernte beten sie lieber für trockenes Wetter. Der neunjährige Wangdrak hat dabei aber ein ganz anderes Problem mit den Naturgewalten: Im Gegensatz zu seinen Mitschülern besitzt er keine Gummistiefel und muss den Weg zur Schule auch bei Sturm und Regen mit zerfledderten Turnschuhen antreten. Für seinen großen Traum, endlich mit seinen Freunden durch Pfützen zu hüpfen, würde er alles tun – und macht dabei auch nicht vor den Ermahnungen seines Vater oder den Heiligtümern des Dorftempels Halt.

© Niu Niu

Wangdrak’s Rain Boots © Niu Niu

In langen, ruhigen Szenen beschreibt der Regisseur Lhapal Gyal (mit Unterstützung des tibetischen Kinomeisters Pema Tseden 万玛才旦) die Suche nach einem Paar Schuhen durch die Augen des kleinen Wangdrak und seiner Mitschüler. Das Ensemble sind allesamt Kinder, die tatsächlich aus der Region kommen und zum ersten Mal vor der Kamera stehen. Durch die staubig-steinigen Straßen begleitet der Zuschauer die Protagonisten (neben Wangdrak gibt es auch noch Lhamo, oder besser “Schwester Lhamo”, wie Wangdrak sie jedes Mal lautstark herbeiruft) im Alltag, in dem sich alles um Schule, Spielzeug und natürlich das Wetter dreht.

Gleichzeitig wirft der Film einen Blick auf die ältere Generation, die das harte Leben im Dorf bestreitet. Während Wangdrak in der Schule ist, bemüht sich nämlich sein mies gelaunter Vater bei der Dorfverwaltung um die Bewässerung und anschließende Ernte seiner Felder. Neben Prügeleien mit seinem Nachbarn zwischen Gerstenhalmen betrübt ihn dabei auch der Mangel an Arbeitsgeräten, denn die werden im Tauschhandel immer teurer.

Die Welten zwischen Kindern und Erwachsenen vermengen sich in diesem Beitrag zur Berlinale-Sektion Generation Kplus. Zwischen Religion, materiellen Bedürfnissen und dem eintönigen Alltag spiegeln Wangdraks herzerwärmende Fragen einen Kinderkosmos wider, der eigentlich keiner ist. Darf man Buddha Bonbons klauen oder bringt das Unglück? Wann geht der Strom wieder, damit man den Wetterbericht sehen kann? Reicht ein Ziegenfell im Tausch für ein Paar Schuhe beim Straßenhändler?

© Niu Niu

Wangdrak’s Rain Boots © Niu Niu

An der Erzählung von Wangdraks Gummistiefeln, die ursprünglich auf einem Kinderbuch basiert, ist besonders eines bemerkenswert: Handlung und Dialoge werden von Kindern für Kinder getragen. Während die vereinfacht dargestellten sozialen Zustände in dem tibetischen Ort so manchen Erwachsenen nicht genügt haben mögen, so stürmisch war dennoch der Applaus des überwiegend jungen Publikums bei der Premiere. Das wollte dann vor allem Antworten haben auf Fragen wie “Wie alt waren die Fünftklässler im Film?” oder “Mag Druklha Dorje (der junge Hauptdarsteller im Film) in echt eigentlich auch Gummistiefel?” und konnte am Ende beruhigt nach Hause gehen, denn: ja, Druklha trägt Gummistiefel im echten Leben auch sehr gerne.

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sinonerds-Autor*in

Clara Tang

Clara Tang ist Urberlinerin, Hashtagliebhaberin und Bastelfreak. Die Kunstgeschichtsstudentin ist Sinologin im Herzen und träumt von ihrem nächsten Chinaabenteuer. Am glücklichsten ist sie mit gutem Kugelschreiber, einer weißen Seite und zu vielen Ideen.

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