Beim Goethe-Institut in Beijing

Marius hat ein dreimonatiges Praktikum am Goethe Institut in Beijing absolviert. Für sinonerds fasst er das Erlebte zusammen, gibt einen Einblick in die eigenen Aufgabenbereiche vor Ort und listet relevante Infos und Links auf, die Dir bei der Entscheidung, selbst ein derartiges Praktikum zu machen, helfen sollen.

Das Goethe-Institut in Beijing wurde 1988 eröffnet und blieb 16 Jahre lang das einzige unabhängige ausländische Kulturinstitut in China. Nachdem zunächst offiziell nur die deutsche Sprache gefördert werden durfte, organisiert das Institut seit 1993 auch diverse Kulturveranstaltungen. Diese Programmarbeit wird von der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit, Presse und Internet, in der ich mein Praktikum absolviert habe, begleitet. Die Öffentlichkeitsarbeit verfasst Pressetexte, erstellt Programmhefte und Flyer, dokumentiert Veranstaltungen und ist bei allen Events als Ansprechpartner und mit Werbematerialen präsent. Außerdem muss der Kontakt mit Journalisten gehalten und Interviews etc. betreut werden. Nicht zuletzt ist die Abteilung auch für die Betreuung von Gästen des Goethe-Instituts zuständig und unterhält ein Online-Magazin.

Meine Arbeit am Goethe-Institut

Da alle PR-Materialien des Instituts sowie die Artikel des besagten Online-Magazins dreisprachig herausgegeben werden, war das Übersetzen ein zentraler Bestandteil meiner Arbeit. Ein weiteres wichtiges Betätigungsfeld waren Textredaktion und –korrektur. Für das Online-Magazin habe ich außerdem mögliche Fokusthemen recherchiert. Hinzu kamen die Unterstützung der Programmabteilung bei der Vorbereitung von Veranstaltungen, die Betreuung von Gästen und – das bleibt leider wohl keinem Praktikanten erspart – die guten alten ‘allgemeinen Bürotätigkeiten’.

Der Weg zum Praktikum

Am Anfang sollte immer die Frage stehen, was man von einem Praktikum in China erwartet. Wem es in allererster Linie darum geht, Chinesisch zu lernen oder sein Chinesisch zu verbessern, der wird am Goethe-Institut vermutlich eine Enttäuschung erleben. Nach meiner Erfahrung bleibt leider kaum Zeit, um nebenbei Sprachkurse zu besuchen.

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Praktikumsort Beijing

Andererseits hat sich meine Befürchtung, in einer Art ‘deutscher Blase’ gefangen zu sein, als unbegründet erwiesen. Von der Sprachabteilung einmal abgesehen arbeiten am Goethe-Institut Peking hauptsächlich Chines_Innen, so dass im Büro nur etwa die Hälfte der Zeit Deutsch gesprochen wird. Nichtsdestotrotz kommt man natürlich oft mit deutschen Gästen und der Expat-Szene in Kontakt. Gerade für China-Neulinge ist so ein Kulturschock light vielleicht aber genau das Richtige.

Die Aufgaben und Anforderungen unterscheiden sich stark von Abteilung zu Abteilung. Daher sollte man unbedingt schon im Bewerbungsgespräch konkrete Fragen zum Tätigkeitsbereich stellen. Denn hiervon hängt auch ab, wieviel Chinesischkenntnisse nötig sind, um das Praktikum stressfrei und erfolgreich absolvieren zu können. In der Programmarbeit beispielsweise scheint mündliche Kommunikation auf Chinesisch eine sehr große Rolle zu spielen. Einigermaßen fließend Chinesisch zu sprechen ist dort also eigentlich ein Muss. Doch auch in der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit, die ja viel mit Texten arbeitet, brauchte ich solide Sprachkenntnisse (mein Chinesischniveau von HSK 4 reichte gerade so). Insbesondere Erfahrung mit journalistischem Chinesisch wäre für diesen Praktikumsplatz von großem Vorteil.

Idealerweise sollte man sich etwa ein Jahr im Voraus bewerben. Bisweilen kommt es aber auch vor, dass Praktikant_Innen kurzfristig abspringen – es schadet also nie, kurz per Email anzufragen. Im Interesse der eigenen geistigen Gesundheit empfiehlt es sich, für den ‘Papierkram’ reichlich Zeitpuffer einzuplanen. Es kann nämlich durchaus passieren, dass die offizielle Einladung vom Goethe-Institut falsche Angaben enthält oder der erste Visumsantrag abgewiesen wird. Mir wurde beispielsweise zunächst mitgeteilt, dass China für Praktika keine Visa mehr gewährt. Dieses Problem ließ sich letztendlich durch eine neue Einladung vom Goethe-Institut lösen, in der das Wort „Praktikum“ nicht auftauchte. Man sollte sich in solchen Situationen also nicht entmutigen lassen, sondern am besten beim Leiter des Visa Application Service Centers nachfragen, welche Wörter in Anträgen tabu sind.

Zu guter Letzt noch ein ebenso wichtiges wie unerfreuliches Thema: die Finanzierung. Praktika an Goethe-Instituten sind grundsätzlich unbezahlt. Glücklicherweise verfügt der DAAD jedoch über einen eigenen Fördertopf für ebensolche Aufenthalte. Bei rechtzeitiger Bewerbung (spätestens 2 Monate vor Praktikumsbeginn) stehen die Chancen also gut, ein Stipendium zu bekommen, das zumindest einen Teil der Kosten deckt.

Je besser das Chinesisch, desto mehr Spaß

Beijing hat es nicht verdient, in ein, zwei Sätzen abgehandelt zu werden. Daher an dieser Stelle nur so viel: In meinen Augen ist diese Stadt um Längen besser als ihr Ruf!

Die Arbeit am Goethe-Institut war meist anstrengend und mitunter eintönig, oft aber auch spannend und lehrreich. Wer nur ein bisschen arbeiten und nebenbei China erkunden will, ist dort jedoch definitiv an der falschen Adresse. Ich war in der Regel bis 19 Uhr im Büro und hatte oft auch am späteren Abend und am Wochenende zu tun. Meine Vorgesetzten haben zwar Arbeitsaufträge des Öfteren als Vorschlag oder in Form einer Frage formuliert, dabei aber trotzdem stets erwartet, dass ich sie ausführe. Dies nicht zu tun, wäre sicherlich als Desinteresse und mangelnde Motivation gedeutet worden. Dafür habe ich einen Einblick in verschiedene Tätigkeitsbereiche erhalten und zahllose interessante Orte und Menschen kennengelernt. Nach meiner Erfahrung gehen die Abteilungsleiter_Innen auch soweit möglich auf die Interessen der einzelnen Praktikant_Innen ein. Wer keinen Spaß an der Arbeit mit Texten hat, wird mit einem Praktikum in der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit dennoch kaum glücklich werden. Für mich waren es – nicht zuletzt dank der wunderbaren Kolleg_Innen – insgesamt lohnende drei Monate.

Eine zentrale Erkenntnis soll hier noch einmal wiederholt werden: Je besser die Chinesischkenntnisse, desto mehr Spaß macht das Praktikum. Es sei denn natürlich, man bringt eine gehörige Portion Gelassenheit mit und geht an die Sache heran wie ein deutscher Regisseur, der als Stipendiat des Goethe-Instituts in Beijing zu Gast war: Er hatte sich entschieden, das temporäre Ausgeschlossensein von jeglicher verbaler und schriftlicher Kommunikation als Chance aufzufassen, der üblichen Reizüberflutung zu entkommen – quasi als Entschlackungskur für das Gehirn.

Der Weg zum Goethe-Institut Beijing auf einen Blick

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sinonerds-Autor*in

Marius Oesterheld

Was die Beschäftigung mit China angeht, ist Marius ein Spätberufener: Nach einem Job in der Denkmalpflege und Studium der mittelalterlichen und Kunstgeschichte in Berlin und London belegte er 2010 den ersten Chinesischkurs. Mittlerweile studiert er Global History, liebt die chinesische Sprache mehr als Latein und findet Menschen fast so spannend wie Bücher und historische Gebäude.

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