Autostoppen von Shanghai nach Beijing

Schon seit längerem ist Autostopp* in China nichts komplett Neues mehr. Nicht nur das Szenemagazin Vice hat eine ganze Serie zu diesem Thema produziert, es gibt geradezu eine Schwemme an Leuten wie Gu Yue, die sentimental romantische Bücher im Reisetagebuchstil über ihre große Reisen publizieren.

Nun gibt es einige sehr gute Gründe für einen armen Studenten das Autostoppen in Erwägung zu ziehen. Erstmal ist es natürlich die kostengünstigste Variante voranzukommen, zumal wir leider wissen, dass die Zeiten des billigen Reisens auch in China längst vorbei sind. Hinzu kommt, dass diese Art der Fortbewegung eine völlig andere Erfahrung ist. Es ist eben, anders als das Reisen mit dem alleinigen Zweck von A nach B zu kommen, eine richtige Reise. Ganz im Sinne der wunderbar abgedroschenen Phrase “Der Weg ist das Ziel”, die  ja angeblich aus China stammen soll. Sehr passend.

Hier ist also meine Erfahrung: von Shanghai nach Beijing in 19 Stunden und sieben Mitfahrgelegenheiten.

Erfahrenere Bekannte haben mir hitchwiki.com empfohlen, um die richtige Autobahnauffahrt zu finden – ein essentieller Faktor, wenn man nicht in die falsche Richtung fahren will. In unserem Fall war das der JingHu Highway, der direkt von Shanghai nach Beijing führt, was für uns natürlich ein enormer Vorteil war. Trotzdem, und das muss an dieser Stelle wirklich betont werden, ist es nicht so leicht die erste Mitfahrgelegenheit zu finden und endlich auf dem Weg zu sein.

Bei mir sah das so aus: Wir fuhren mit U-Bahn und Bus bis zu einer Station, die angeblich an einer Tankstelle an der  Autobahn liegen sollte. In Wahrheit aber war die besagte Tanke irgendwo auf einer staubigen Landstraße, sozusagen im Nichts. Und als klar wurde, dass uns hier niemand weiter mitnehmen würde als bis zum nächsten Bauernmarkt, mussten wir den Ort wechseln und uns strategisch klug direkt an der Autobahnauffahrt positionieren.

Hier ein Bild damit man sich das ungefähr vorstellen kann:

Ein blondes Mädchen mit riesigem Rucksack und eine Chinesin mit kleinem Trolley an der bestimmt abgelegensten Autobahnauffahrt in irgendeinem Dorf außerhalb von Shanghai. Ein fast unwiderstehlicher Anblick für schon allgemein neugierige Chinesen und nach weniger als zehn Minuten hatten wir unsere erste Mitfahrgelegenheit.

Noch ein guter Tipp zum Anfang: Eine Karte mitzuhaben ist von unschätzbarem Wert. Sonst kann es passieren, dass man, wie wir schmerzlich lernen mussten, voreilig einsteigt, nach wenigen Minuten wieder aussteigen muss und wehmütig auf seine Einstiegsstelle zurückblickt.

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Im Allgemeinen wird mit jedem Stück Weg mit dem man sich seinem Ziel nähert, die Wahrscheinlichkeit höher auch einen Fahrer zu finden, der einen auch bis dorthin mitnehmen kann. Der erste Fahrer nahm uns nur wenige Kilometer mit, der Zweite bis nach Suzhou und ab dort ließen wir uns einfach immer an einer der Service Stationen am Highway absetzen und suchten uns am dortigen Parkplatz eine neue Mitfahrgelegenheit. Das war manchmal schwerer, manchmal einfacher.

Wenn man versucht auf diesen Parkplätzen Fahrer anzusprechen, ist es natürlich leichter, wenn man Chinesisch kann. Allerdings ist es bestimmt auch ganz ohne Chinesisch möglich. Erfahrene Reisende im Internet empfehlen, einfach ein Schild mitzunehmen. Oft ist es auch etwas unangenehm, weil vor allem bei der älteren Generation in China das Konzept von Autostopp noch nicht wirklich verbreitet ist und man neben Unverständnis auch auf Mitleid stößt. Daher wiederholten sich auch unsere Konversationen im Auto auf geradezu nervtötende Weise: “Wieso nehmt ihr nicht einen Flug? Das ist doch viel schneller!” Von fast allen wurde angeboten, uns am Bahnhof abzusetzen damit wir mit dem Zug weiterfahren könnten.

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Nett waren aber alle unsere Fahrer. Die Geschäftsmänner in ihren fetten SUVs, die Pfeife rauchten und uns unbedingt alle Arten von Verpflegung mit auf den Weg geben wollten. Die Zwei Mechaniker, die noch weniger Ahnung von der Karte hatten als wir und sich zu unserem Vorteil komplett verfuhren und die zwei Jungs in ihrem komplett abgewrackten Malerauto ohne Fenster, mit dem wir ziemlich glücklich in einen Vorort von Beijing einfuhren.

Aber unangenehm oder unheimlich war es eigentlich nie. Selbst die zwei Lastwagenfahrer nicht, die meine Freundin überredete uns mitzunehmen. Als wir um drei Uhr nachts an einer Autobahn Raststätte feststeckten, war sie so entnervt und entschlossen voranzukommen, dass sie durch den dunklen Parkplatz ging und auf den Zehenspitzen stehend an Lastwagenfenster klopfte, um die Fahrer um eine Mitfahrgelegenheit zu bitten. Zwei Trucker in einem nach Jauche stinkenden Fahrerhaus nahmen uns letztendlich mit. Es stellte sich dabei heraus, dass die beiden echt schüchtern waren und wir am Ende mit ihnen sechs Stunden schweigend durch die Nacht fuhren.

Würde ich es wohl nochmal machen? Auf jeden Fall. Noch heute.

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Eine längere Version des Artikels wurde von Zita in englischer Sprache bei smartshanghai.com veröffentlicht.

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sinonerds-Autor*in

Zita Fuxjaeger

Seit ihrem Abitur in Österreich lebte und studierte Zita knapp vier Jahre in Shanghai. Seit letztem Jahr vertieft sie ihr Studium der Sinologie an der Freien Universität Berlin.

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