Wohin in China: Zwischen Mao, Miao und „Mei You“

Ob Auslandsstudium, Praktikum, Job oder Schüleraustausch — an Möglichkeiten, China oder Taiwan für sich zu entdecken, mangelt es nicht. Doch bei all den Städten, die diese Länder zu bieten haben, drängt sich natürlich sofort die Frage auf: Wohin genau soll es gehen? In unserer Reihe Wohin in China stellen unsere Autoren Orte vor, die sie während des Studiums oder im Berufsleben erlebt und schätzen gelernt haben.

Der Osten ist exotisch, unwirklich, fremd, überbevölkert, chaotisch. Wenn man aus Deutschland nach China fliegt und den Flug überstanden hat, steht vor einem die nächste Hürde: Zwischen Jetlag und unbekannten Speisen wird man von Schriftzeichen und Menschenmassen verwirrt und hustet sich seinen Weg durch den Abgasnebel der Großstadt. Entgegen aller Vorurteile sind die Straßen in den meisten chinesischen Großstädten mittlerweile zwar nicht nur gesäumt von sterilen Glas- und Stahlgebilden, sondern auch von Baumreihen und Parks. Boutiquen, eine Auswahl westlicher Ketten, eine Vielfalt an Restaurants und immer besser werdende Backwaren oder Coffeeshops lassen manches von Heimweh geplagte Herz höher schlagen. Und spätestens wenn man in den Hutongs von Beijing einen kleinen französischen Importladen findet, der den geliebten Ziegenkäse vertreibt, ist man sich sicher: „Hier kann man es doch aushalten.“

Zuckerwatte-Verkäufer

Zuckerwatte-Verkäufer

 Allein unter 1,3 Milliarden

Im Sinologie-Studium wird bald klar, dass ein Aufenthalt in China (oft) nicht verpflichtend, aber immer sinnvoll ist. Start für Kopfkino und Vergleichsmarathon. Ohne Stipendium ist es in allererster Linie kostengünstig, in der Provinz zu studieren, da sowohl Studiengebühren, als auch Lebenshaltungskosten noch lange nicht an die der Küstenstädte heranreichen. Doch besonders reizte mich die Perspektive, mich „allein unter 1,3 Milliarden“ zu fühlen. So fing ich an zu suchen. Auf dieser Seite  findet man eine ausführliche Auflistung chinesischer Hochschulen.

Meine Wahl fiel auf die Guizhou University, nicht weil ich sicher sagen konnte, wie ihr Chinesisch-Programm ist, sondern weil die Landschaft und die sehr niedrige Zahl an ausländischen Studierenden (68) mich überzeugten. Die Organisation des Auslandsaufenthalts verlief bei mir von der Planung der Anreise über Kommunikation mit der Universität bis hin zur Visumsbeschaffung selbstständig. Vorbereitend musste ich diverse ärztliche Untersuchungen bescheinigen lassen und stand in regem Brief- und E-Mail-Verkehr mit dem Ausländerbüro der Universität. Der Eindruck war gut, denn sie schienen sehr bemüht. Nachdem ich schließlich eine feste Zusage geschickt und ihnen meinen Anreisetag mitgeteilt hatte, flog ich nach China.

Von Kunming fuhr ich im Zug nach Guiyang. Meine Mitreisenden beäugten mich neugierig und nickten wissend, als ich ihnen erklärte, dass ich in Guiyang studieren würde. Am Bahnhof wurde ich von Jacob, einem zwanzigjährigen Anglistik-Studenten mit Schild, in Empfang genommen und zur Uni gebracht. Das Taxi fuhr uns aus der Stadt in die hügelige Landschaft, und ich stellte fest, dass der Alte im Zug mir versucht hatte, mitzuteilen, dass das Örtchen, an welchem wir vorbeifuhren – Huaxi – mein neues Zuhause sein würde. Die „GuiDa” hat neun Campi in verschiedenen Stadteilen und Vororten Guiyangs. Der in Huaxi ist der Hauptcampus und Sitz der Universitätsleitung und des Ausländerbüros. Ich wurde von Jacob ins Büro begleitet und bekam ein Paket aus Broschüren und ein paar Termine für die Einführung.

Im ersten Semester müssen alle ausländischen Studierenden in das komplett gekachelte Wohnheim ziehen. Mein Glück, durch die geringe Zahl an ausländischen Studierenden wohnte ich in einem Zimmer allein. Für nur 50 Euro im Monat ein Luxus, den die wenigsten Wohnheime Studierenden in China bieten. Die ersten Tage hatte ich noch Zeit die Gegend zu erkunden und mich am satten Grün des Örtchens zu erfreuen. Der Campus liegt gut erreichbar am „Huaxi Dadao”, der Hauptanbindungsstraße nach Guiyang. Auf diversen Einkaufstouren entdeckte ich die Parks, Spielcenter und alte Viertel mit engen Straßen.

Selbst ist die Provinz

Auf dem Campus mit chinesischen Studierenden in Kontakt zu kommen war weniger einfach als erwartet. Nach diversen Reisen in China hatte ich damit gerechnet, dass mir Neugierde entgegenschlagen würde und sich automatisch Gespräche à la „Ohhh, you’re from Germany. I like Germany“ ergeben würden. Diese blieben allerdings aus. Die diversen Clubs für Sport, Kunst und andere Aktivitäten, welche die Universität anbietet, wurden vom Büro für Auslandsstudierende nicht an uns herangebracht. Als ich meinte, ich würde gern im Chor mitsingen, wurde mir gesagt, sie wüssten nicht, ob es einen gäbe. Es gab, ich fand, stellte mich vor und sang.

Im Unterricht saß ich gemeinsam mit einer Gruppe Koreanerinnen in der Klasse für fortgeschrittenes und professionelles Chinesisch, da es zu wenig Lehrende und Studierende gab, um die Klassen aufzuteilen. Der Unterricht war frontal aber unterhaltsam. So lobte unsere Hörverständnislehrerin regelmäßig den großen Vorsitzenden und zitierte außerdem seine Gedichte. So nah hatte ich mich bis dahin dem „roten China“ noch nicht gefühlt.

„Colourful Guizhou“

Guiyang bot mir während meines Aufenthalts die Möglichkeit, mich mit jungen KommilitonInnen aus den Dörfern Guizhous zu unterhalten, die kleinen alten Dörfer und die wunderschöne Natur zu erkunden und mitzuerleben, wie eine Stadt, ja eine Provinz sich vom Armenhaus zum Vorreiter im Minderheiten-/Ökotourismus zu etablieren sucht. Eigeninitiative war für mich eine willkommene Herausforderung.

Saubere Luft in den Bergen von Guizhou

Saubere Luft in den Bergen von Guizhou

Die Vorbereitungen, welche erst so aufwändig schienen, waren zum Teil nicht notwendig. So wurde ich in China noch einmal komplett von Ärzten untersucht. Wie ihre Vorreiter an der Küste haben auch Provinzstädte Vielfalt zu bieten. Bei einem Besuch im Pizza Hut stießen wir auf eine Gruppe männlicher europäischer Models nach einem Shooting, und während eines Spaziergangs in Huaxis Parks fanden wir eine Gruppe von Männern, die einen Hund fürs Essen zubereiteten. Seit meinem Aufenthalt hat Guiyang nun auch einen Starbucks und diverse westliche Modeketten. Aber eine U-Bahn wird es wohl in absehbarer Zeit nicht geben. Zu hart ist das Gestein, der Boden. Und so wird sich der Verkehr weiter gemächlich durch die Straßen quetschen und Staus verursachen, wann immer es einen in die Stadt zum Bummeln, Ausgehen oder Affen gucken im Qianling Park zieht.

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Über den Autor

Anna Julia

Mit neun Jahren saß sie das erste Mal in der „Verbotenen Stadt“, mit 19 lehrte sie in einem Guangdonger Kindergarten Englisch. Im Gegenzug lernte sie, wie man Jiaozi füllt und Mondkuchen isst. Bis 2014 studierte Anna Julia an der Freien Universität Sinologie und sammelt auf vielen Reisen Eindrücke im „Reich der Mitte“.

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