Wohin in China: Die Goldene Mitte

Ob Auslandsstudium, Praktikum, Job oder Schüleraustausch — an Möglichkeiten, China oder Taiwan für sich zu entdecken, mangelt es nicht. Doch bei all den Städten, die diese Länder zu bieten haben, drängt sich natürlich sofort die Frage auf: Wohin genau soll es gehen? In unserer Reihe Wohin in China stellen unsere Autoren Orte vor, die sie während des Studiums oder im Berufsleben erlebt und schätzen gelernt haben.

Meine Erfahrungen basieren auf meiner eigenen Zeit in China, wo ich 2010/11 sechzehn Monate gelebt habe und wohin ich Anfang 2013 nochmals ungefähr zwei Monate gereist bin. Ich habe in Nanjing und Chengdu gelebt, sowie einige Zeit in Qingdao, Kunming, Xi’an, Changsha und Hangzhou verbracht. Ob meine Beobachtungen auch auf andere Städte zutreffen, kann ich nicht sagen, aber wenn jemand von euch in Harbin, Wuhan, Xiamen oder Lanzhou verbracht hat, würde ich mich über einen Kommentar von eurer Seite freuen.

Bevor wir uns in die goldene Mitte stürzen, sollten wir erst ein paar Größenordnungen klären: Die Städte, um die es hier geht – nämlich solche aus dem sogenannten zweiten oder dritten Rang (二线 èr xiàn / 三线 sān xiàn) chinesischer Großstädte – sollte nicht mit Bremen, Mannheim oder Leipzig verwechselt werden. Städte wie Nanjing, Chengdu oder Qingdao haben zwischen sechs und neun Millionen Einwohner und sind somit doppelt oder dreimal so bevölkert wie Berlin. Vor allem die Provinzhauptstädte sind Finanz- und Handelszentren der Region und Magneten für Arbeiterinnen und Glücksritter von nah und fern. Sie sind auch Knotenpunkte des nationalen Zug- und Flugverkehrs und mitunter sogar durch internationale Flüge zu erreichen.

Taxi, Bus oder zu Fuß

Innerhalb dieser Städte bewegt man sich zur Zeit noch vor allem in Bussen und Taxis voran, wobei vielerorts enorme Geldmengen in den Aufbau von U-Bahnnetzen investiert werden und bereits drei oder vier Linien in Betrieb sind. Das mag erstmal nach enormem Chaos klingen, aber zum Glück sind die meisten Wege in diesen Städten nicht so lang wie in Peking oder Shanghai. Man kann die Stadtzentren bequem in 30 Minuten per Bus oder, wenn man mehr Zeit hat, zu Fuß durchqueren. Nach der Party schnell mit dem Taxi nach Hause oder mal in das Lieblingsrestaurant am anderen Ende der Stadt fahren schlägt dadurch nicht so sehr auf den Geldbeutel und erfordert weniger Zeitplanung.

Stadtbild und Leute

Oft spiegelt das städtische Leben die kulturelle Vielfalt der Region wider. Buddhistische Einkaufsstraßen in Chengdu oder farbenfrohe Märkte in Kunming zeugen von den verschiedenen Kulturgruppen und Minderheiten Chinas. Viele von ihnen strömen in diese Städte, um Anschluss an die rasante Entwicklung Chinas zu finden und dennoch den Kontakt zu ihrer Region aufrechtzuerhalten. Manchmal wird das Leben in Städten fernab der Küste so dargestellt, als wenn man den ganzen Tag in Teehäusern mit den lokalen Bewohnern über das Leben philosophiert. Das ist zwar etwas übertrieben, jedoch unterscheidet sich der Rhythmus in diesen Städten von der allgemeinen Hektik in Shanghai. Nichtsdestotrotz sind sie aufstrebende Metropolen mit Banken, Großunternehmen, Hochhäusern, Universitäten, Shopping-Malls und natürlich Smog.

Das führt dazu, dass es auch hier wachsende Expat-Communities und viele Chinesen mit ordentlichen Englischkenntnissen gibt. Die Zeiten, in denen man der einzige Ausländer in einer chinesischen Großstadt war, sind schon lange vorbei. Mag sein, dass in manchen Bezirken noch mit dem Finger auf einen gezeigt oder im Museum unter der Hand ein Foto geschossen wird, aber im Großen und Ganzen gehören Ausländer nun auch in diesen Städten zum alltäglichen Stadtbild. Trotzdem muss man sagen, dass das Nachtleben und die Szene für Feierwütige noch nicht an die Vielfalt in Beijing und Shanghai heranreichen. Wenn man des öfteren das Tanzbein schwingen möchte, wird man in den selben Clubs mit den selben DJs die gleichen Leute treffen wie am Abend zuvor oder am vorherigen Wochenende.

Das Ass im Ärmel

Ein Umstand, den ich bei meinem Leben in Nanjing und Chengdu als besonders angenehm empfunden habe, war die Möglichkeit, mit relativ geringem Zeitaufwand in der Umgebung andere Städte und die Natur zu erkunden. Je größer die Stadt, desto größer auch der Aufwand, auch ihre letzten Vororte noch zu überwinden. Besonders in Regionen, in denen eine große kulturelle Vielfalt oder verschiedene landschaftliche Besonderheiten gefunden werden können, werden Erkundungsausflüge ins Umland zu unvergesslichen Erlebnissen.

Ich denke, dass diese verschiedenen Aspekte in den meisten aufstrebenden Großstädten zutreffen und einen Unterschied zu den Metropolen Beijing, Shanghai und Guangzhou bilden. Wer also etwas weniger Hektik und beklemmende Menschenmassen, leichteren Zugang zu interessanten Reisezielen abseits der gecharterten Chinareise und einen größeren Einfluss von regionaler Kultur erleben möchte, liegt in der Goldenen Mitte gold-richtig.

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Über den Autor

Johannes Heller

Jojo studierte Chinastudien und Friedensforschung in Berlin, Nanjing und Brisbane. Akademisch steht für ihn Chinas aktuelle Rolle als regionaler Akteur in Asien im Mittelpunkt. Nebenher entdeckt er gerne neue Musik und Podcasts.

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