Wohin in China: Bloß nicht Metropole?

Ob Auslandsstudium, Praktikum, Job oder Schüleraustausch — an Möglichkeiten, China oder Taiwan für sich zu entdecken, mangelt es nicht. Doch bei all den Städten, die diese Länder zu bieten haben, drängt sich natürlich sofort die Frage auf: Wohin genau soll es gehen? In unserer Reihe Wohin in China stellen unsere Autoren Orte vor, die sie während des Studiums oder im Berufsleben erlebt und schätzen gelernt haben.

Bloß nicht Megastadt?

Will man für längere Zeit nach China, bekommt man nur allzu oft eine ganz bestimmte Faustregel zu hören. Die lautet in etwa so: „Halte Dich fern von Beijing und Shanghai, in kleineren Städten kann man viel besser das echte China kennenlernen.” Ich finde, das darf man nicht einfach so stehen lassen und behaupte: Die großen Städte haben auch abseits vom Komfort viele Vorteile.

Was die Menschen angeht, tummeln sich in den großen Metropolen natürlich viele Ausländer, was viele zu vermeiden versuchen; man möchte ja schließlich seine Zeit mit Chinesen verbringen. Allerdings haben viele meiner Bekannten in China wundervolle Freundschaften mit Menschen aus aller Welt – sogar auch aus ihrem Heimatland – geschlossen. Das bedeutet keineswegs, dass man nicht parallel viele chinesische Freunde finden kann! Mein Chinesischlehrer hat einmal gesagt: In jeder chinesischen Stadt gibt es genug Chinesen. Würde ich so unterschreiben. Die Schwierigkeit liegt eher darin, sich hin und wieder von den ausländischen Freunden los zu lösen. Das ist allerdings  eine Frage der Einstellung und muss nicht unbedingt etwas mit dem Aufenthaltsort zu tun haben.

Ein unerwartetes Plus

Einige Expats und Studenten berichten von dem Phänomen, dass es nicht leicht ist, tiefere Freundschaften mit Chinesen zu schließen. Oft bleibt es beim gemeinsamen Essen und einer lockeren Gesprächsrunde, vielleicht gipfelt man noch im KTV. Sehr persönlich ist das nicht immer. Ich finde, hier kann es durchaus hilfreich sein, in einer der „großen Städte” zu leben. Hier haben viele gleichaltrige Chinesen schon oft Kontakt mit Ausländern und westlichen Einflüssen gehabt oder waren vielleicht selbst schon im Ausland, was eine große Hilfe für den Austausch sein kann. Das bedeutet ja nicht, dass sie dafür ihre chinesische Identität ablegen, warum sollten sie das auch tun? Ein junger Beijinger wird einem nicht automatisch weniger über chinesische Traditionen und Sprache erzählen können, als jemand aus Hefei. Mir persönlich hatte die relative Vertrautheit von Ausländern und Chinesen in der Metropole es unheimlich erleichtert, Zugang zu meinen Kollegen in Shanghai zu finden.

Der Teemeister-Mythos

Hinzu kommt, dass entgegen vieler Erwartungen in der Tat nicht alle Menschen in kleineren Städten Teemeister sind, die auf ihrer Zither traditionelle Musik spielen, Kalligrafien zeichnen und Tai Ji machen. Im Gegenteil würde ich sogar behaupten, dass das Interesse für solche traditonell chinesischen Dinge im chinesischen Bildungsmittelstand tendenziell häufiger vorzufinden ist. Dieser wiederum ist vor allem in den großen Metropolen angesiedelt. Zudem ist eine Kunst- oder Musikszene in den allermeisten kleineren chinesischen Städten bestenfalls in Ansätzen zu erkennen oder fehlt vollständig.

Deren Charme liegt eher in dem Straßenbild und der Atmosphäre, die viele an China so lieben. Lebendige Staßen- und Nachtmärkte oder den Süßkartoffelmann an der Einfahrt sah ich in Shanghai leider immer seltener.

Wo die Provinz die Metropole abschüttelt

Beim Erlernen der Sprache bieten kleinere Städte oft einen deutlichen Vorteil. Chinesen gibt es wie gesagt überall, doch in weniger entwickelten Städten sprechen weniger Leute gutes Englisch als beispielsweise in Shanghai (wo zu meinem Erstaunen selbst mal der Postbote ein paar Sätze auspackt). Die Notwendigkeit, Chinesisch zu sprechen, ist besonders gut gegen die weit verbreiteten Motivationsprobleme.

Die Metropolen haben einen weiteren Nachteil gegenüber den weniger beliebten Aufenthaltsorten. Wer im Sinne eines beidseitigen Kulturaustausches aktiv sein möchte, kann abseits der Großstädte mehr bewegen. Allein schon wenige Minuten mit einem Ausländer plaudern zu können, kann für Kleinstadtbewohner eine wertvolle und besondere Erfahrung sein — ganz zu schweigen von größeren interkulturellen Veranstaltungen, für die es vielerorts ganz einfach an Ausländern mangelt. Wer also kulturell mehr zurückgeben möchte, der sollte dieses Argument auf keinen Fall vernachlässigen.

Dennoch finde ich für meinen Teil: Aufenthalte in abgelegeneren Städten werden zu oft romantisiert. Ja, das Leben dort ist „mehr anders” als das, was wir in Deutschland gewohnt sind. Mehr vom echten China findet man aber da, wo man danach sucht. Beijing und Shanghai haben in der Hinsicht sehr, sehr viel zu bieten. Kleinere Städte stoßen im Kulturangebot hingegen oft an ihre Grenzen. Was sie im Gegenzug zu bieten haben, wird nicht jeden überzeugen.

Jedem das Seine

Wer also vorhat, mehrfach oder länger in China zu leben, für den ist ein Aufenthalt „woanders” mit Sicherheit eine Bereicherung, nicht zuletzt wegen der Möglichkeiten, mehr zurückzugeben. Wer sich intensiv mit dem Land beschäftigt, wird früher oder später vermutlich ohnehin über eine Gelegenheit stolpern, eine Weile in den „first-tier cities” zu leben. Wer sich aber noch nicht so sicher ist, dem soll gesagt sein: Die kleineren Städte haben nicht unbedingt mehr zu bieten, auch ein Aufenthalt in Beijing, Shanghai oder der „goldenen Mitte”, die wir im nächsten Artikel besprechen, kann viele wertvolle Vorteile haben und ist nicht etwas, was man sofort abschlagen sollte.

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Über den Autor

Arseny Knaifel

Arseny Knaifel hat Chinastudien in Berlin und Peking studiert und ist Gründer und Rapper in Chinas deutschester Band Feichang Fresh. Nach einem turbulenten Jahr in einer chinesischen Agentur für Social Media Marketing, ist er aktuell als Filmemacher in Berlin und der Welt unterwegs.

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