Stadt des Nichts: Zhengzhou

Über eine Stadt, die ihren schlechten Ruf nicht verdient

Als ich einem chinesischen Freund erzähle, dass mein nächster Job in Zhengzhou, Henan, sein wird, schaut er mich stirnrunzelnd an. „Zhengzhou? Warum würdest du nach Zhengzhou wollen?“ Über eine Stadt, die keiner zu mögen scheint – und wieso ich sie trotzdem mag.

Gelegen ist Zhengzhou 郑州 in der Provinz Henan 河南 in Zentralchina. Henan ist eine der einwohnerstärksten Provinzen Chinas, und gehört auch zu den am dichtesten bevölkerten Gebieten der Welt. Es wird auch oft die Wiege der Kultur Chinas genannt: hier entstanden die ersten Dynastien, hier lebten und starben die ersten Kaiser, und auch die ersten Schriftzeichen wurde vermutlich hier in Orakelknochen geschnitzt.

Der große Gelbe Fluss fließt nur 50 km entfernt vorbei, und andere historisch bedeutende Stätten befinden sich in der Nähe von Zhengzhou: Kaifeng 开封, Louyang 洛阳, Shaolin Si 少林寺. Die Stadt zählt zu den am schnellsten wachsenden und am erfolgversprechendsten Städten Chinas. Dies hat sie vor allem ihrer Funktion als Zentrum für Transportart in China zu tun. So ist die Stadt sogar per Zug mit Hamburg verbunden, von da werden Waren nach ganz Europa exportiert.

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Ein verwaister Sportplatz zwischen Neu und Alt © Moritz Roemer

Im zweiten Weltkrieg zerstörten japanische Flugzeuge den größten Teil der Stadt, sie musste komplett wiederaufgebaut werden. Außer einer alten, unbefestigten Stadtmauer und zwei kleinen Tempeln deutet kaum etwas auf die jahrtausendealte Geschichte der Stadt hin. Etwas außerhalb des alten Stadtkerns wurde innerhalb weniger Jahre ein Central Business District (der auch in Zhengzhou allgemein als CBD bekannt ist) aus dem Boden gestampft. Diese Gegend mit ihren Hochhäusern wirkt verwaist, auf unheimliche Weise leer, da hier keine Menschen leben, sondern nur arbeiten. Nach sieben sieht man kaum noch jemanden auf der Straße. Auch in dem anderen, dem lebendigeren Teil der Stadt fehlt ein Zentrum. Stattdessen drängen sich neue, anonyme Malls aneinander.

Keine Reise wert?

Zhengzhou ist trotz seiner Größe und Bedeutung kaum einem Reisenden ein Begriff – höchstens als Durchreiseort. Auch viele Chinesen wissen nur wenig über die Stadt, Henan gilt vielen als bäuerlich und unterentwickelt. Und es stimmt: trotz dem unglaublichen Wachstum der Stadt, auch und vor allem im wirtschaftlichen Bereich, bleiben die Einwohner*innen Zhengzhous arm. Die Asia Times schreibt gar, dass in Henan die Zahl der Menschen, die von den Behörden als „verarmt“ eingestuft werden (definiert durch ein jährliches Einkommen von unter 637 Yuan – etwa 68 Euro), im Zeitraum von 1980 bis 2000 um mehr als 500.000 wuchs – im Vergleich wuchs diese Bevölkerungsschicht im kompletten Rest von China im selben Zeitraum nur um etwa 200.000.

Zu der Armut kommt noch ein weiteres großes Problem: die Verschmutzung. Zwar sind alle größeren Städte Chinas verschmutzt, doch Zhengzhou ist besonders schlimm. Henan ist am meisten von der wachsenden Umweltverschmutzung betroffen, und Zhengzhou übertrifft an manchen Tagen sogar Beijing in den Feinstaubwerten. Auf der Greenpeace-Liste der am meisten verschmutzten Städte Chinas von 2013 belegte es Platz 10. Dazu kommen Winde, die aus der inneren Mongolei Sand mit sich bringen – wie Staub setzt er sich auf den Fenstern und Wänden fest, klebt an der Haut und mengt sich in Getränke.

Als wäre das alles noch nicht genug, gehört Henan auch zu den Regionen, die besonders stark von der rasanten Ausbreitung von HIV betroffen sind. In den ’90er Jahren wurden bei Blutspenden und anschließenden -transfusionen durch verunreinigte Nadeln mindestens 50.000 Menschen in der ländlichen Umgebung Zhengzhous infiziert – und da keine entsprechende Aufklärung stattfand und bis heute nicht stattfindet, breitet sich der Virus schnell aus.

Die halbe Wahrheit

Zhengzhou ist eine der ältesten Städte Chinas, eine der am stärksten wachsenden, manchmal wird es auch der Mittelpunkt Zentralchinas genannt. Und trotzdem. Irgendwie gibt es Zhengzhou nicht. Trotz ihrer Bedeutung haben wenige chinesische Menschen ein konkretes Bild von der Stadt, und noch nie habe ich jemanden getroffen, der*die mal unbedingt nach Zhengzhou reisen möchte. Es hat alle Vorraussetzungen dafür, aber es gibt keine gewachsene Identität. Die vielen negativen Aspekte Zhengzhous werden nicht thematisiert. Der Skandal um die HIV-Infektionen, die unter staatlicher Aufsicht passierten, durfte nicht öffentlich in den Medien diskutiert werden. Andererseits wird versucht, den neuen Status Zhengzhous als wirtschaftlich erfolgreiche Stadt zu betonen – bezeichnend dafür ist, dass der gespenstische CBD meistens als Symbol für Zhengzhou auf Webseiten oder Postkarten benutzt wird.

Zhengzhou wächst und wächst © Moritz Roemer

Zhengzhou wächst und wächst © Moritz Roemer

Nur langsam entdecken Laowai die Stadt für sich, außer einer handvoll Bars und Restaurants gibt es keinerlei der in anderen Städten üblichen westlichen Treffpunkte. Die größte Gruppe der Ausländer*innen stellen die hauptsächlich westafrikanischen Student*innen, die zur Zhengzhou Universität gehen, gefolgt von den Lehrer*innen, die gezielt nach Zhengzhou geholt werden, um die Kinder der wachsenden Wirtschaftselite zu unterrichten. Das habe auch ich gemacht. Und obwohl Zhengzhou nicht besonders toll klingt (und die meisten meiner ebenfalls ausländischen Kolleg*innen oft gewitzelt haben, dass Zhengzhou die schlimmste Stadt Chinas sei), habe ich meine Zeit dort doch sehr genossen.

Was mensch draus macht

Es hat einen besonderen Charme durch eine Stadt zu laufen, die nicht darauf aus ist, ein Bild zu vermitteln, das nicht stimmt. Es gibt keine schön zurechtgemachten Touristenbereiche, aber dafür überall buntes, lautes China. Das bekannteste Gericht der Stadt, hui mian (烩面 huì miàn), ist sicher nichts besonderes. Doch ich habe es genau wie die verschmutzungsfreien Tage, an denen die Sonne ewig zu scheinen scheint, schätzen gelernt, die vielen kleinen Imbissstände, die sicher nicht die leckersten, aber für mich trotzdem besten Gerichte verkaufen, weil mensch sie schnell auf einem kleinen Plastikstuhl gequetscht essen kann und dabei mit den Verkäufer*innen ins Gespräch kommt, die langen, leeren Straßen im CBD, über die mensch schnell, ungestört und frei nachts mit dem Roller fahren kann, die Gespräche mit den Taxifahrer*innen, wenn sich auf der sechsspurigen Hauptverkehrsstraße gar nichts bewegt und mensch festsitzt, erst mal eine raucht und sich dann nach den Kindern des*der Fahrer*in erkundigt, und die immer leere U-Bahn, die unheimlich sauber und leise ist.

Zhengzhou verändert sich stark. Die Zeiträume, in denen Gebäude erbaut, abgerissen und andere Gebäude erbaut werden, sind sogar für China kurz. Die Stadt gewinnt an Bedeutung, und mit dem Geld wird bald wohl auch irgendeine Form von Tourismus entstehen. Es gibt bereits einen Vergnügungspark vor der Stadt, viele andere Projekte sind in Planung. Wer weiß, was aus der Stadt mal wird. So, wie sie ist, wird sie nicht bleiben.

Dieser Artikel wurde vom Autor „gegendert“ – warum er das wichtig findet, kannst Du hier nachlesen.

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Über den Autor

Moritz Roemer

Moritz Roemer studiert Sozialwissenschaften an der Humboldt Universität und lernt in seiner Freizeit Chinesisch. Er hat nach seinem Abitur in Suining, Sichuan, und Zhengzhou, Henan gelebt, ist unter anderem durch Xinjiang, die Innere Mongolei und Shaanxi getrampt. Gerne möchte er noch ein Auslandsjahr in Beijing machen.

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