Chinesisch im Internet: Sei gewappnet

„Wer das Buch rezensiert, darf es behalten“. Na gut, denk ich mir. Chinesisch im Internet? Klingt spannend. Aber könnte ich nicht ebenso gut ins chinesische Internet gehen? Ein kurzer Blick ins Buch offenbart: es gibt Übersetzungen und Kommentare zu Redensarten. Immerhin. Das scheint nützlich und ich erkläre mich bereit.

Ok, nun bin ich also um ein Buch reicher. Jetzt was draus machen. Das Vorwort macht Lust: das Internet sei eine Fundgrube spannender, aktueller und authentischer Texte. Klingt gut. Außerdem sei der Lust der Chinesen an der eigenen Sprache im World Wide Web keine Grenzen gesetzt. Gespannt schlage ich das Buch auf.

Diese Anmerkung bringt Gewissheit: Im chineischen Internet jemanden als dummen Vogel zu bezeichnen, erzielt die gewünschte Wirkung.

Ich lese: „Tanyuewudi schreibt: ‚Du bist eine dumme Nutte'“. Boah! Das ist authentisch. Plötzlich beschleicht mich ein übler Verdacht. Wie häufig habe ich mir angesichts bescheuerter Kommentare auf Seiten von Süddeutsche, Spiegel und Co. gewünscht, der deutschen Sprache nicht mächtig zu sein. Könnte das im chinesischem Internet auch der Fall sein?

Die Textauswahl ist dann Gott sei dank doch cleverer. Die Userkommentare reichen – wie Kommentare nunmal sind – von brillant über präzise zu völlig hirnrissig. Aber dann gibt es immer noch das Kommentierte, die Blogposts. Da hält das Buch tatsächlich einige interessante Themen bereit. Ein Erfahrungsbericht von interkulturellen Ehen etwa. Oder auch politisch Brisanteres: “Mittels hoher Immobilienpreise Wohnraum für sozial Schwache schaffen. Was ist falsch daran?”, oder eine Diskussion über Luftverschmutzung.

Der Leser hat die Wahl

Ehe ich mich versehe, habe ich mich in den Texten verloren. In den übersetzten Texten wohlgemerkt. Denn je mehr mich die Texte interessieren, desto verführerischer ist es, das Chinesische zu ignorieren. Das scheint auch so gewollt zu sein, denn die Übersetzung steht auf der Seite, die man jedenfalls als Deutscher traditionell zuerst liest: links. Wenn ich eine Formulierung finde, von der ich gerne wüsste, wie ich das auf Chinesisch sage, suche ich die entsprechende Passage auf der rechten Seite. Die Arbeitsweise bietet sich an.

Nein! Ich bin disziplinierter. Entgegen meiner Gemütlichkeit lese ich waghalsig die rechte Seite zuerst. Das geht ganz gut, bis ich über eine Vokabel stolpere, die ich nicht kenne. Ein Blick auf die linke Seite verrät, es heißt “peinlich”. Nun gut. Wie wird das ausgesprochen? Keine Ahnung. Da hat ein Popup-Wörterbuch dem Printmedium was vorraus. Im Buch sind hinten die Quellen angegeben. Also öffne ich meinen Browser und gehe mit Perapera und der Übersetzung die Texte durch. Neue Vokabeln kann ich mir so auch direkt bookmarken. Etwas Eigeninitiative bereichert das Gelesene ungemein.

Das CCTV-Building in Beijing wird von den Locals als 大裤衩, die „große Unterhose“ bezeichnet.

Die Annotationen im Buch erweisen sich als nützlich und häufig ist eine Menge Wortwitz im Spiel. Ohne die hätte ich zum Beispiel nur schwer verstanden, wer die Leute in der großen Unterhose sind (siehe rechts). An der Stelle wäre ich sogar bei Perapera aufgeschmissen. Das Buch verlangt zwar einen involvierten Lerner, der kann dann allerdings wirklich Spaß daran finden.

Übung macht den Meister

Ich beiße mich durch, denn ich habe große Pläne. Ein paar Stunden später fühle ich mich endlich bereit. Lernen findet außerhalb der Komfortzone statt! Genug der Theorie, Zeit für die Praxis. Ich wage mich ins chinesische Internet. Mit meinem neuen Rüstzeug suche ich mir einen Blog und bezichtige den Autor probehalber einer promisken Mutter.

Das Vorwort hat Recht: im Internet entfaltet sich die Lust an der Sprache wirklich in voller Blüte! Innerhalb weniger Minuten habe ich haufenweise neues, authentisches Material. Darauf kann mich allerdings kein Buch vorbereiten.

Bild mit 大裤衩: (c) Iamdavidtheking licensed under a Creative Commons licence CC BY 3.0, via Wikimedia Commons.

Chinesisch im Internet erschien 2015 im Buske Verlag. Die Originaltexte wurden von den Herausgebern Telse Hack und Shaofeng Ni ausgewählt, übersetzt und kommentiert. Wir bedanken uns beim Buske Verlag für das Ansichtsexemplar.

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Über den Autor

Leonard Sonnenschein

Gitarre, Piano und Yoga sind einige Beispiele für die bunten Interessen, die Leos Zeit neben dem Studium füllen. Weil er sich so gut mit elektronischen Gehirnen (电脑, zu Urdeutsch: Computer) auskennt und auch die ein oder andere Programmiersprache beherrscht, kümmert er sich bei sinonerds vor allem um technische Finessen.

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