Wohin in China: An der Fußspitze des Drachen

Ob Auslandsstudium, Praktikum, Job oder Schüleraustausch — an Möglichkeiten, China oder Taiwan für sich zu entdecken, mangelt es nicht. Doch bei all den Städten, die diese Länder zu bieten haben, drängt sich natürlich sofort die Frage auf: Wohin genau soll es gehen? In unserer Reihe Wohin in China stellen unsere Autoren Orte vor, die sie während des Studiums oder im Berufsleben erlebt und schätzen gelernt haben.

Taiwan und China – Bald ein Staat?

„Taiwan und Festlandchina werden wohl in ein paar Jahren vereint sein.“ Das zumindest bekomme ich als Antwort, wenn ich einige meiner taiwanischen Freunde zur politischen Zukunft Taiwans frage. Wie lange wird es dauern? „Das kann man nicht so genau sagen, 10 bis 15 Jahre vielleicht, oder auch 20.” Es wäre nur eine Frage der Zeit, meint auch Chinesischdozent Fan aus der Volksrepublik, genau wie damals mit Ost- und Westdeutschland. Die beiden Länder hätten den gleichen kulturellen Hintergrund, sagt er, und könnten auf Dauer nicht getrennt sein. Obwohl Fan persönlich Taiwan die Unabhängigkeit gönnen würde (genauso wie Tibet und Xinjiang, er ist ein sehr liberaler Mann), sieht er in der Realität dafür keinen Platz.

Demonstration in Taipei

Demonstration in Taipei

In diesem Artikel möchte ich einzig über meine persönliche Erfahrung berichten. Meine Eindrücke von Taiwan habe ich während eines Praktikums beim Goethe-Institut Taipei gewonnen. Die drei Monate, die ich dort arbeitete, waren eine intensive Zeit, die mir einen tiefen Einblick in das Leben auf Taiwan gab.

Wie steht es nun wirklich um die politisch umstrittene Insel vor der Küste Fujians? Da ist einerseits die turmhohe chinesische Wirtschaft, mit deren Aufschwung nicht nur Chinas BIP, sondern auch Taiwans Abhängigkeit von der Volksrepublik wächst. Viele junge Taiwaner/innen gehen zum Arbeiten auf das Festland, weil es dort mehr Jobmöglichkeiten gibt und die Gehälter außerdem besser sind. Auch im Handel und Tourismus ist Taiwan auf seinen großen Nachbarn angewiesen. Unter diesen Voraussetzungen fällt es Taipei zunehmend schwer, seine Unabhängigkeit aufrecht zu erhalten. Andererseits ist da eine Nation Taiwaner, die ich während meiner Zeit in Taipei als sehr selbstbewusste Bürger kennengelernt habe, die stolz auf ihren Inselstaat sind.

Eine Provinz unter Provinzen

Trotz ihrer Verbundenheit zum eigenen Land halten viele Taiwaner die Vereinigung mit der Volksrepublik China für wahrscheinlich. Taiwan wäre dann endgültig eine der 23 Provinzen der Volksrepublik China, wie es die Regierung in Beijing schon seit ihrer Gründung 1949 behauptet. Doch zum jetzigen Zeitpunkt ist Taiwan de facto politisch unabhängig. Nach einer Vereinigung, die auf allen Ebenen eine ist, könnten die Taiwaner womöglich kein eigenes Parlament mehr wählen und würden der gleichen Gerichtsbarkeit unterstellt wie alle anderen Bürger der Volksrepublik. Die Vorherrschaft aus Beijing könnte zudem bedeuten, dass die Presse- und Meinungsfreiheit sowie die freie Zugänglichkeit internationaler Medien, die Taiwan momentan genießt, nicht gewahrt blieben.

Derzeit sind beide Regierungen wohl noch weit entfernt von genauen Plänen für eine Vereinigung. Sollte es – wann auch immer – eine Integration Taiwans in die Volksrepublik geben, würde sie womöglich nach dem Modell Hongkong erfolgen: 一国两制, „Ein Land, zwei Systeme”. Auch eine Vereinigung unter diesen Bedingungen würde Taiwan jedoch grundlegend verändern.

Protest und Tradition

Taiwan ist ein besonderer Ort. Seine Unterschiede zum chinesischen Festland, wo ich ebenfalls für längere Zeit gelebt habe, waren für mich im Alltag spürbar. Ein Beipiel dafür ist politisches Bewusstsein: Während man in der Volksrepublik nicht lange suchen muss, bis man einen Slogan der kommunistischen Partei entdeckt, der allen Interessierten eine moralische Richtlinie diktiert, werden in Taiwan politische Themen gerne offen diskutiert. Man fühlt sich nicht von einer offiziellen Propaganda belehrt oder über den Mund gefahren, sondern kann am öffentlichen Diskurs teilhaben.

Proteste und Demonstrationen sind in Taiwan üblich und werden von den Bürgern häufig zum Ausdruck ihrer Unzufriedenheit genutzt. Jeder, der in China war, weiß, dass Bilder von friedlichen Demonstrationen in der Volksrepublik ungefähr so häufig sind wie gekochte Hühnerfüße bei einem deutschen Abendessen.

Eine weitere Besonderheit Taiwans ist sein Umgang mit dem chinesischen Kulturerbe. Selbst in Festlandchina schwärmen viele Leute, Taiwan sei das „wahre China“, wo die chinesischen Traditionen und Werte besser intakt gehalten wurden als in der Volksrepublik. Aus der Luft gegriffen ist das nicht, denn Taiwan blieb von dem Großen Sprung und der Kulturrevolution unter Mao verschont und hatte auch keine politische Kampagne gegen die jahrtausendealte konfuzianische Tradition. Die weltweit größte Sammlung chinesischen Kulturguts ist im Nationalen Palastmuseum in Taipei — sie besteht vorwiegend aus Objekten, die Chiang Kai-shek aus dem Kaiserpalast in Beijing nach Taiwan transportieren ließ und so möglicherweise vor der Zerstörung durch die Roten Garden bewahrte.

Taipei: Neonlichter, Nachtmärkte und niemals kalt

Egal wie man zu den politische Verstrickungen steht, der Alltag in Taipei ist sehr lebenswert. Taipei balanciert Großstadt und Grün besser als die meisten chinesischen Städte und ist überdurchschnittlich sauber und ordentlich. Wer den Winter in Deutschland gewohnt ist, dem wird es in ganz Taiwan nie richtig kalt: 15 Grad im Januar sind das unterste Ende des Thermometers und so zieht sich das öffentliche Leben aufgrund der hohen Temperaturen oft bis weit in die Nacht hinein. Mopeds sausen auch noch am späten Abend durch die leuchtenden Straßen, Geschäfte schließen oft erst um 23 Uhr und mit Sonnenuntergang füllen sich die Nachtmärkte der Stadt.

Nachtmarkt

Nachtmarkt

Letztere sind wohl das größte Markenzeichen Taiwans: ein buntes Gewusel an Ständen, an denen alle erdenklichen Snacks und Erfrischungen angeboten werden. An jedem Ort der Insel verbringen Taiwaner manch einen Abend auf diesen Märkten und füllen die Städte so mit Leben. Diese Leichtigkeit, mit der man Abend um Abend mit seinen Freunden beim Essen draußen verbringt, ist für mich charakteristisch für Taiwan; gleichzeitig ist sie auch das, was ich am meisten an Taiwan vermisse.

Die Waage halten

Eine Reise nach Taiwan kann Augen öffnen. Als Besucher wird man erkennen, dass die tropische Insel ihre ganz eigene Seele hat, einem eigenen Rhythmus folgt und vor allem eine eigene Identität besitzt. Diese Attribute bieten aus meiner Sicht einen unwahrscheinlich wichtigen Ausgleich zu der riesigen Volksrepublik, deren 1,3 Milliarden Menschen dem Tun und Lassen einer einzigen Zentralregierung unterstehen. Für die gut 20 Millionen Taiwaner, die sich als Taiwaner fühlen, für Lehrer Fan und alle Festlandchinesen, ja für uns alle wäre es nur gesund, wenn dieser Ausgleich noch für eine gute Weile bestehen bliebe.

Chinesisch und Pinyin der im Text verwendeten Begriffe und Namen

一国两制 yī guó liǎng zhì: „Ein Land, zwei Systeme”

蒋介石 Jiǎng Jiè Shí: Chiang Kai-shek (Ehemaliger Führer der Guomindang)

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Über den Autor

Lewe Paul

Lewe hat Chinastudien an der Freien Universität Berlin studiert und in Australien einen Master in Asia Pacific Studies gemacht. Er ist begeistert von der chinesischen Sprache, liebt Taiwan und lebt zur Zeit in Berlin.

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