Der Regenbogen über China

Eine organisierte LGBT-Szene in der Volksrepublik? Ja, natürlich!

Inspiriert von unserem Spotlight zum Thema Liebe hat sich Siyuan mit dem Thema Homosexualität auseinandergesetzt: Der Umgang mit gleichgeschlechtlicher Liebe hat sich gewaltig geändert, soziale Medien ermöglichen auch im Untergrund ein ganz neues Level an Vernetzung und Taiwan ist dem Festland um Einiges voraus – all das und noch mehr beleuchtet Siyuan in diesem dreiseitigen Beitrag.

Wenn man von China spricht, denkt man wahrscheinlich nicht gerade als Erstes an eine vernetzte, aktive LGBT-Szene. Dabei ist es nicht sehr abwegig, dass es in einem Land mit über 1,3 Milliarden Einwohnern auch eine zahlenstarke und vielfältige LGBT-Szene gibt. Mit dem Boom sozialer Medien, wie den sogenannten Microblogs von sina.com oder Weibo, erhalten in der Volksrepublik nun auch bisherige Nischengruppen eine wichtige Plattform, um sich untereinander zu vernetzen. Erfolgsgeschichten wie etwa die Dating-App Blued für Schwule und die Gründung von regelmäßig stattfindenden LGBT-Filmfestivals[1] sind der beste Beweis dafür, wie die Community sich zunehmend selbstbewusst präsentiert, aller gesellschaftlicher Vorurteile und staatlichen Repressionen zum Trotz.

Insbesondere in der jungen Generation lässt sich eine tolerantere Haltung zu homosexueller Liebe ausmachen. Im Juni 2016 geisterte ein Vorfall an der Guangdong University of Foreign Studies (广东外语外贸大学) viral durch Chinas soziale Medien, als die dortige Universitätsleitung den Heiratsantrag einer Studentin an ihre Freundin als „die Verbreitung von Obszönitäten“ bezeichnete und drohte, ihr die Vergabe ihres Abschlusszeugnisses vorzuenthalten. Der Fall rief Empörung in der chinesischen LGBT-Szene hervor und in der Online-Community wurden Forderungen nach Gleichberechtigung für LGBT-Paare laut.[2]

Shanghai Pride Parade 2009

Shanghai Pride Parade 2009

In einem anderen Fall verklagte eine lesbische Studentin das chinesische Bildungsministerium wegen der Darstellung von Homosexualität in Schulbüchern als „Geisteskrankheit“. Mit großen Interesse verfolgte die internationale LGBT-Szene den Fall. Die Klage wurde stattgegeben, allerdings wurde nach ihrer Anhörung im Dezember schnell klar, dass der Kampf im Gerichtssaal um Gleichberechtigung für Homosexuelle nicht einfach werden würde. Denn die Behörden verschleppten die Verhandlung immer wieder. Am 11. Januar 2017 ging die Studentin in die vierte Instanz und verlangte eine öffentliche Anhörung, die vom Gericht abgelehnt wurde. Ein Urteil zu dem Fall wurde vertagt. Allen anwesenden Reportern, von denen einige auch mit der Studentin gesprochen hatten, wurde im Nachhinein die Nachricht überbracht, dass jede Art der Berichterstattung zu dem Fall zu unterlassen sei, was bislang noch möglich war. Es scheint, als ob der Fall erstmal zum Stillstand gekommen ist.[3]

Fälle wie dieser zeigen, wie schwer sich der chinesische Staat damit tut, die LGBT-Szene als selbstverständlichen Teil der chinesischen Gesellschaft zu akzeptieren. Angesichts der gegenwärtigen Situation ist der Blick in die Geschichte umso überraschender, da es durchaus lange Phasen der Offenheit gegenüber Homosexualität gab.

All die schönen Männer: Von kaiserlichen Geliebten bis zur „sexuellen Umkehrung“

Im alten China war es in mehreren Dynastien üblich, gleichgeschlechtliche Beziehungen zu führen. So war es während der multikulturellen Tang- (618-907 n.Chr.) und der Song-Dynastie (960-1279 n.Chr.) ganz normal, dass der Kaiser männliche Geliebte hatte, was auch “den Ärmel abschneiden“ (chin. 断袖, Pinyin dùanxiù ) genannt wird. [4] Der Überlieferung nach soll sich der Kaiser am frühen Morgen den Ärmel seines Gewands durchgeschnitten haben, um beim Aufstehen den Geliebten neben sich nicht zu wecken.

Queer in Shanghai, 2009

Queer in Shanghai, 2009

Kamen Männer ihrer Pflicht der Zeugung von Nachkommen nach, um die Familienlinie fortzusetzen, waren homosexuelle Beziehungen durchaus akzeptiert. Während wenig über gleichgeschlechtliche Liebe zwischen Frauen bekannt ist, gab es zahlreiche Aufzeichnungen über homoerotische oder bisexuellen Liebschaften zwischen Männern. Einige der ältesten Geschichten lassen sich in den historischen Aufzeichnungen der „Zeit der Streitenden Reiche“ (战国时代) nachlesen. Im Vergleich zum christlich geprägten Europa im Mittelalter gab es im alten China nie systematische Verfolgungen von Homosexuellen.

Mit der 4. Mai-Bewegung (五四运动, 1917-21) wurde das Konzept von Homosexualität als „sexuelle Inversion“, also eine sexuelle „Umkehrung“, eingeführt, welches auf westlichen Ideen wie dem Sozial-darwinismus beruhte. Nach der Gründung der Volksrepublik 1949 wurde Homosexualität dann endgültig zum Tabu. In den ’80ern wurde das Thema nur im Zusammenhang mit Studien über Sexualverhalten und Psychologie erwähnt, nämlich als eine abnormale Erscheinung, die der westliche Kapitalismus zum Vorschein brächte. Obwohl es kein konkretes Gesetz gab, das Homosexualität verbat, konnten Betroffene unter dem Vorwand des „Rowdytums“ (流氓罪 ) verhaftet werden.

1997 wurde dieses Gesetz abgeschafft, was vermutlich weniger dem Ziel geschuldet war, Homosexuelle zu de-kriminalisieren, als das Rechtssystem grundlegend zu reformieren. Erst 2001 wurde Homosexualität aus dem „Handbuch zur Klassifikation und Diagnose von psychischen Krankheiten in China“ gestrichen und war somit nicht mehr offiziell als geistige Krankheit gelistet.[5]

Vorsichtige Öffnung und Stereotypisierung: LGBT in der chinesischen Öffentlichkeit

Drei Jahre später, im Jahr 2004, veröffentlichte das chinesische Gesundheitsministerium das erste White Paper zu dem Thema Homosexualität, das die Infektion mit HIV unter homosexuellen Männern untersuchte. Kurz darauf fand die erste Fernsehdebatte im Staatssender CCTV zu Homosexuellen und AIDS mit dem Titel „Homosexualität: Anerkennung statt Ignoranz“ statt. Was folgte, war eine vorsichtige Öffnung im öffentlichen Diskurs.

Kimiko Suda

Kimiko Suda

Kimiko Suda, ehemalige wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Chinastudien an der Freien Universität Berlin, hat zu der LGBT-Szene in Beijing geforscht und kann diese Entwicklung bestätigen: „2005 bis 2008 war eine Phase der relativen Offenheit und man konnte in den chinesischen Medien des Öfteren Diskussionen zu dem Thema lesen. Nach 2009 hat sich das allerdings wieder geändert, hin zu mehr Zensur und konservativeren Haltungen.“ Statt als Ergebnis von westlich-kapitalistischer Degeneration wurde Homosexualität nun als bloße Promiskuität abgestempelt, die zu AIDS führen kann, oder verkam zu einem Objekt voyeuristischer Unterhaltung. Obwohl sie kein Tabu mehr ist, bleibt Homosexualität ein sensibles Thema sowohl im öffentlichen Raum als auch im privaten Bereich, behaftet mit der Anrüchigkeit des Immoralischen.[6] 

Weiterlesen auf Seite 2.

[1] Beispiele sind das Shanghai Pride Filmfestival, das 2016 zum ersten Mal neben dem bereits „etablierten“ Beijing Queer Film Festival stattfand und die Präsenz auf internationalen Filmfestivals wie der Berlinale (hier mehr dazu). Auf der diesjährigen Berlinale thematisiert etwa der Film „Bing Lang Xue“ von Hu Jia Liebe in allen seinen Formen und jenseits von einengenden Konventionen.

[2] Zum Beispiel hier und hier.

[3] Ein Guardian-Artikel zur Stattgebung der ersten Klage sowie ein ausführlicher Artikel mit Verweis auf andere LGBT-Aktivisten und einem knappen historischen Abriss gibt’s bei vox.com

[4] Ausschnitte aus historischer homoerotischer Literatur, übersetzt von Bret Hinsch, Verfasser von Passions of the Cut Sleeve: The Male Homosexual Tradition in China.

[5] Artikel auf Solidarity.

[6] Siehe hierzu ein Interview von The Atlantic über die Situation der chinesischen LGBT-Bewegung von 2013.

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Über den Autor

Siyuan He

Siyuan kam bereits als Kleinkind in die Bundesrepublik und hat Berlin als ihre temporäre Heimat ausgewählt. Einst zum Studieren gekommen, entdeckte sie wie viele andere die Vorteile der quirligen Metropole und begann das hiesige Kulturleben zu erkunden, das genauso endlos und divers ist wie ihre eigenen Interessen. Unter anderem ist Siyuan eine passionierte Berlinalebesucherin und rezensierte jahrelang Filme im Stadtmagazin tip Berlin. Ihre Passion fürs Schreiben verbindet sie am liebsten mit dem Kennenlernen neuer Menschen aus unterschiedlichen Kontexten und dem Sammeln interessanter (Lebens-)Geschichten. Momentan untersucht sie im Rahmen ihrer Masterarbeit Vorurteile gegenüber Muslimen in Deutschland.

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神貓
Leser*in

Da sind Schwule, aber WO sind die Lesben?
Gibt es ich China auch Lesben?!

Ich muss es wohl wiedet sagen

WIR EXISTIEREN! ES GIBT AUCH FRAUEN DIE AUF FRAUEN STEHEN, MANN NENNT UNS LESBEN!

Bei „Homo“ denkt jeder immer nur an Schwule, aber was ist mit uns, hm???

Siyuan
Leser*in
Hallo 神貓, ich weiß nicht so genau, was du mit deinem Kommentar meinst. Auf Seite 1 nenne ich etwa 2 Beispiele, in denen es um lesbische Frauen geht. Ein Mal die Solidaritätsbekundigungen für die Studentin, die ihrer Freundin auf dem Campus einen Heiratsantrag gemacht hat und dafür von der Unileitung… weiterlesen »
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