Am Anfang war der Fluss: Ein neues Buch erzählt die Geschichte des 黃河

"The Yellow River" von David Pietz bietet einen guten Einstieg in die Forschung über den Gelben Fluss

Die chinesische Kultur ist untrennbar mit dem Gelben Fluss (Huáng Hé 黃河) verbunden. Er ist eine Hauptader der chinesischen Zivilisation, vergleichbar mit dem Nil für das alte Ägypten. Da wundert es nicht, dass sich seit den Anfängen der Chinaforschung bereits unzählige Abhandlungen mit ihm befasst haben. Wodurch also zeichnet sich „The Yellow River“, der jüngste Beitrag von David Pietz zu diesem Thema, aus?

Das Besondere an diesem Buch ist seine intensive Beschäftigung mit den Veränderungen, die die Chinesen in der Geschichte an ihrem Fluss vorgenommen haben. Diese werden aktuellen Problemen wie Wassermangel, Ernährungssicherung, Umweltverschmutzung und den Grenzen des Wachstums gegenübergestellt.

Courtesy of Harvard University Press

Courtesy of Harvard University Press

Anders als der Titel vermuten lässt, konzentriert sich Pietz nicht auf die Moderne. Vielmehr liefert er eine Chronografie der chinesischen Wasserwirtschaft und beleuchtet nach Engineering the State: The Huai River and Reconstruction in Nationalist China (1998) einen zweiten Fluss in Nordchina, der wie kein anderer Sinnbild des chinesischen Kulturraums ist. Die in sechs Kapitel gegliederte Darstellung reicht von der Frühgeschichte bis zu heutigen Industrialisierungsproblemen. Dabei beschreibt Pietz auch die größeren Zusammenhänge und geht auf die Biografien bedeutender Ingenieure ein.

Pietz schildert die geologischen und ökologischen Gegebenheiten des Gelben Flusses und analysiert die damit verbundenen sozialen und politischen Entwicklungen. Die Wasserknappheit Chinas, das über nur 6% der weltweiten Süßwasserquellen verfüge, spitze sich im Norden des Landes zu: Auf diese Region entfielen wiederum nur 6% auf Nordchina, wo sich zugleich jedoch 41% des chinesischen Farmlandes befänden. Der für die Bewässerung unentbehrliche Gelbe Fluss stelle seit jeher auch die größte Gefahrenquelle in der Region dar. Lössablagerungen führten dazu, dass sich das Flussbett anhebe und sich der Fluss langsam über das Umland erhebe – ein Phänomen, das nicht zuletzt durch menschliche Einwirkungen kontinuierlich verstärkt worden sei.

Neben der kritischen Auseinandersetzung mit verschiedenen Flussbauprojekten räumt Pietz auch den Flutkatastrophen viel Raum ein. Diese ereigneten sich in der Geschichte immer wieder, wenn der Fluss aus seinem zu hoch gewachsenen Bett ausbreche. Wegen dieser Überschwemmungsgefahren käme der Beherrschung des Gelben Flusses seit jeher staatstragende Bedeutung zu. Pietz zeigt auf, dass sich dies seit der Gründung der Volksrepublik nicht verändert habe: Die erste Massenkampagne im Jahr 1950 sei auf Baumaßnahmen am Wèi Hé (渭河) zur Flutkontrolle gerichtet gewesen; die Bedeutung des Dammbaus werde auch aus der hohen Zahl beschäftigter Menschen und der Wertschätzung ihrer Arbeit ersichtlich; zu Beginn des Jahres 1957 seien 6% der chinesischen Bevölkerung bei Kanalbauarbeiten beschäftigt gewesen, die Arbeitsbrigaden seien bei den Einsätzen überproportional gut vergütet und politisch besonders hoch anerkannt worden. Als „Helden des Dammbaus“ seien einzelne Arbeiter sogar den „Militärhelden“ im Korea-Krieg gleichgestellt worden.

Ein Vorteil des chronologischen Aufbaus ist, dass der Autor Kontinuitäten aufzeigen kann, die in der Forschung bislang wenig Beachtung erfahren haben. Etwa die Beobachtung, dass seit der Han-Dynastie – sowohl zwischen chinesischen Ingenieuren, als später bei europäischen und amerikanischen Experten – immer wieder konzeptionell ähnliche Positionen zur „Bezwingung“ des Flusses konkurrierten. Eine weitere These, die Pietz mit Ereignissen in verschiedener Epochen belegen will, ist die der Kontrolle des Gelben Flusses als Ausdruck funktionierender Herrschaft und als Mittel zur Legitimation der Herrschaftsgewalt. Hierauf verweist er bei der Darstellung der Errungenschaften des legendären Kaisers Yu, den Bauprojekten von der Han bis zur Song-Zeit, sowie der Deutung von Maos Durchschwimmen des Jangtse (长江 Cháng Jiāng) im Juli 1966.

yellow river bend

Der Gelbe Fluss in Shanxi

Pietz lehnt es ab, die zur Mao-Zeit durchgeführten Maßnahmen zur Flutkontrolle als „war against nature“ zu bezeichnen und sieht diese Maßnahmen als Fortführung der bereits zuvor bestehenden Idee der Naturbeherrschung. Dennoch seien zu dieser Zeit Altlasten geschaffen worden, die die Qualität, Nutzung und Verfügbarkeit des Wassers des Gelben Flusses nachhaltig beeinträchtigten. Die marktwirtschaftlichen Reformen litten daher unter der Wasserpolitik der Mao-Ära.

Einsteiger kommen auf ihre Kosten

Am nützlichsten ist das Werk wohl für Leser, die sich mit der Geschichte des Gelben Flusses noch nicht vertieft beschäftigt haben. Diesen helfen auch die gut ausgewählten Bilder und Grafiken, die technische Sachverhalte, die Positionierung von Deichen und die Verlagerungen des Flussbetts veranschaulichen. Kennern der Materie dürfte Pietz hingegen nicht viel Neues zu bieten haben. Das Buch ist über weite Teile deskriptiv und fördert kaum neue Erkenntnisse zu Tage. Aktuelle Debatten werden angeschnittenen, ohne neue Argumente vorzutragen. Bei der Darstellung des Verhältnisses von Wassermanagement und Staat geht Pietz auf die Theorie Wittvogels (vgl. Wirtschaft und Gesellschaft Chinas, 1931) ein, reißt diese jedoch nur an, ohne sich inhaltlich zu positionieren. Auch bei der Auseinandersetzung mit Shapiros Position in Mao’s War against Nature zur Ressourcenpolitik bleibt er oberflächlich.

Im Hinblick auf den Titel stellt sich die Frage, was Pietz unter „Modern China“ versteht. Eine Klarstellung hierzu liefert der Autor nicht. Überhaupt konzentriert sich die Darstellung auch nicht auf die neuere chinesische Geschichte, sondern hat gerade dort ihre Stärken, wo sie historische Kontinuitäten aufzeigt. Das Buch ist in sechs Kapitel unterteilt, deren Titel den Anschein erwecken, dass der Inhalt thematisch gegliedert ist. Dies verwirrte mich als Leser, da das Buch in Wirklichkeit rein chronologisch und nicht nach Themen aufgebaut ist, was Pietz auch gar nicht in Abrede stellt. Ein weiterer Kritikpunkt ist die in Teilen mangelnde Genauigkeit bei der Wiedergabe von Fakten und Daten. So liefert Pietz immer wieder umstrittene Zahlen, ohne auf die damit verbundenen Kontroversen einzugehen, gibt Messwerte zusammenhangslos oder falsch wieder oder vertut sich bei biografischen Angaben (Werte von 0,17 und 0,1 °C, anstelle der zutreffenden 1,7 und 1,0 °C, oder ein falsches Geburtsjahr von O. J. Todd). Diese vereinzelten Schwächen sind bedauerlich, sie beeinträchtigen den Wert der ansonsten gut recherchierten und sauber belegten Arbeit aber nicht nachhaltig.

David A. Pietz: The Yellow River. The Problem of Water in Modern China. Cambridge, MA: Harvard University, 2015, 321 S., EUR 39,00.

Image credits: 康熙帝南巡图卷,治黃河 by 王翚等 via Wikimedia Commons and 黄河U型弯 by chaos™ via flickr, shared under a Creative Commons (BY-NC-ND) license.

Share.

Über den Autor

Jan Krusche

Jan hat zum ersten Mal 2005/06 für eine längere Zeit in Shanghai gelebt und anschließend Jura und Sinologie in Berlin und München studiert. Gegenwärtig arbeitet er als Rechtsanwalt in Berlin und beschäftigt sich unter anderem mit dem chinesischen Gesellschaftsrecht.

Hinterlasse einen Kommentar

Benachrichtige mich zu:
avatar
1200
wpDiscuz