黑潮: Ein Drachenboot. Ein Team.

Wie Jasmin in ein taiwanisches Drachenboot-Team kam und warum das Paddeln viel mehr als ein Sport ist.

5 Uhr morgens, der Wecker klingelt. Halb verschlafen reibe ich mir den Schlaf aus meinen Augen. Seit November quäle ich mich nun jeden Sonntagmorgen in aller Frühe aus dem Bett, um mein Paddel in die Hand zu nehmen und nach Xindian (新店), einem südlichen Bezirk Taipeis, zu fahren. Dort trainiere ich einmal die Woche mit meinem Team 黑潮 (hēi cháo) „Black Tide“ auf dem Xindian-Fluss, der sich dicht an die grün-bewachsenen Hügel schmiegt.

Beim Training auf dem Xindian-Fluss

Beim Training

Wenn ich mein Wohnheim um 5:50 Uhr verlasse, sind schon die ersten Frühaufsteher mit ihren Wanderstöcken unterwegs, um die nahegelegenen Hügel zu erklimmen. Und auch am Xindian-Fluss ist bei Ankunft um 6:30 Uhr bereits reger Verkehr: Jung und Alt gehen joggen, führen den Hund Gassi oder drehen eine Runde mit dem Fahrrad. Ich bin jedes Mal von Neuem beeindruckt, wie früh Taiwaner bereits aktiv sind. Bei dem Anblick verfliegt meine Müdigkeit, die mich bis jetzt noch beherrschte, rasend schnell.

Nachdem sich alle Black-Tide-Teammitglieder versammelt haben, geht es nach einer Runde Jumping Jacks aufs Boot. Mindestens zwölf Leute sind wir jedes Mal, wenn wir uns in das schmale, aber lange Drachenboot zwängen. Ich hätte nie gedacht, dass Paddeln eine Sportart für mich wäre, aber seitdem ich dank meiner ungarischen Mitbewohnerin Dorka Mitglied von Black Tide bin, habe ich mich in den Drachenboot-Sport verliebt. Als Dorka und ich letztes Semester zusammen in unser Wohnheimzimmer gezogen sind, hat sie mir regelmäßig begeistert von Black Tide und dem Paddeln berichtet. Meine Neugier fürs Drachenboot war damit geweckt und prompt war ich beim nächsten Training dabei.

Das Black-Tide-Team

Das Black-Tide-Team

Das Black-Tide-Team besteht aus einer wunderbaren bunten Mischung von Taiwanerinnen und Taiwanern und internationalen Sportbegeisterten, die sich zwei- bis fünfmal die Woche treffen, um gemeinsam zu trainieren. Die Dynamik unseres Teams ist einzigartig. Sie sorgt dafür, dass das Training nicht nur ausdauernd, sondern auch immer sehr lustig ist. Sonntags sind wir in Xindian und mittwochabends üben wir stationär in Xiaobitan (小碧潭) unter einer Autobahnbrücke in einem 15 Meter langen Wassertank, der auch von anderen Drachenboot-Teams professionell verwendet wird. Beim Paddeln in Xiaobitan lerne ich Seiten der Stadt kennen, die sonst nicht sehr sichtbar sind: Neben streunenden Hunden tanzt dort auch mal ein Pärchen zur selben Zeit Tango, mal wärmt sich ein Obdachloser an einem Lagerfeuer die Hände. Wären unter dieser Brücke nicht all die verstaubten Boote mit ihren farbenfrohen Drachenköpfen, würde man nie vermuten, dass an diesem Ort überhaupt gepaddelt wird.

Schwarze Welle

Schwarze Welle

Montags, mittwochs und samstags wird noch ein zusätzliches Training an der Shida (師範大學, einer Uni) angeboten, das vor allem auf Kondition und Muskelaufbau abzielt. Das ist notwendig, denn beim Paddeln ist ganzer Körpereinsatz gefragt. Nach den ersten Paddelstunden tat mir von den Armen bis zum Rücken und den Beinen alles weh. Doch mit der Zeit steigt die Ausdauer und das Paddeln fällt einem immer leichter. Wenn ich Taiwanern erzähle, dass ich Mitglied eines Drachenboot-Teams bin, stoße ich dabei immer auf Begeisterung. Die meisten meiner taiwanischen Freunde haben selbst noch nie ein Paddel in die Hand genommen und kennen das Drachenboot-Fahren daher nur vom Hörensagen. Einige sind sogar der Meinung, dass mehr Ausländer in Taiwan Drachenboote paddeln als Taiwaner selbst. Nach einigen Stunden auf dem Wasser – und spätestens dann beim Wettkampf – kann ich das aber als Gerücht entlarven.

Als sich Paddelboote und Klebreis trafen

Drachenbootfahren stammt ursprünglich aus China und wird besonders mit dem Drachenbootfest (chin. 端午节 duān wǔ jié) in Verbindung gebracht. Dieses fällt auf den 5. Tag des 5. Monats im chinesischen Mondkalender und gehört neben dem chinesischen Neujahrsfest und dem Mondfest zu den drei wichtigsten Festen Chinas. Der historische Ursprung ist umstritten, eine oft erzählte Legende besagt jedoch, dass es auf die versuchte Rettung des Dichters Qu Yuan (屈原, ca. 340 v. Chr. – 278 v. Chr.) zurückgeht. Er soll sich zur Zeit der Streitenden Reiche wegen eines ihm widerfahrenen Unrechts im Fluss Miluo (汨羅江) ertränkt haben. Die Menschen am Ufer sprangen in ihre Boote, um Qu Yuan zu retten, was ihnen aber nicht gelang. Trotzdem entsprang aus diesem Versuch die symbolische Bedeutung des Drachenbootrennens.

Ein Drachenboot wird an Land gezogen

Ein Drachenboot wird an Land gezogen

Nicht nur in China, sondern auch in Taiwan und Hongkong genießt das Duan Wu Jie eine lange Tradition. Die Teams von Drachenboot-Regatten treten aber nicht nur hier, sondern auch in vielen anderen Ländern der Welt zum Start an. Ebenso wichtig wie das Drachenbootrennen ist an diesem Tag das Essen von Zongzi (粽子). Dies sind meist pyramidenförmige Klöße aus Klebreis, eingewickelt in Bambusblätter und gefüllt mit Datteln, Eigelb, Krabben oder süßen roten Bohnen. Als die Dorfbewohner Qu Yuan nicht vor dem Ertrinken bewahren konnten, warfen sie ihm mit gekochtem Reis gefüllten Bambus in den Fluss, damit – und auch hier gibt es mehrere Versionen – entweder Qu Yuans Geist nicht verhungern würde oder die Fische sich nicht an seinen Leichnam zu schaffen machen würden.

Yù bèi xià!

Sitzen erst einmal alle auf ihren Plätzen, stimmt sich das Team mit einem lauten „预备下“(yù bèi xià!) ein und paddelt los. Der Ausruf, welcher als schallendes Echo von den grünen Hügeln zurückhallt, bedeutet so viel wie: „in der Vorbereitung“, wird aber genauso benutzt wie „auf die Plätze, fertig, los“. Das Training am Sonntag ist immer ein ganz besonderes Erlebnis, denn das „echte“ Paddeln auf dem Fluss fühlt sich komplett anders an als das Paddeln im Tank. Zusammen als Team schneiden wir das Boot durch das Wasser vorwärts und bei jedem Stoß hören wir unsere Paddel plätschern. Vom Ufer aus beobachten uns entspannt die Fischer, eine Etage höher in den Baumkronen sehen uns die weißen Seidenreiher zu.

Das Team beim Paddeln

Ahoi!

Auf dem Fluss sind wir meistens nicht allein: Es gibt einen Herrn, der dort sonntagmorgens seine Bahnen schwimmt und einen weiteren, der eine Runde im schwanförmigen Tretboot dreht. Manchmal paddeln noch weitere Teams auf dem Fluss und wir begrüßen uns mit einem freundlichen „早安“ (zǎo ān = Guten Morgen) aus der Ferne. Das Drachenboot-Fahren verbindet und gibt einem das Gefühl von starkem Zusammenhalt, auch über verschiedene Teams hinweg. Ein Gefühl, das ich so noch bei keiner anderen Sportart empfunden habe. Eine Stunde verbringen wir auf dem Fluss und paddeln von oben nach unten und wieder zurück, gelegentlich fliegt mir dabei eine Ladung Wasser vom Sitznachbarn um die Ohren.

Dieses Jahr fällt das Drachenbootfest auf den 30. Mai, doch bereits die Tage davor finden die Wettkämpfe statt. Bis dorthin wird unser Team noch fleißig üben müssen, denn wir haben viele neu dazu gekommene Mitglieder. Doch wir sind auch schon mit einem taiwanischen Team auf dem Fluss um die Wette gepaddelt und es war ein knapper Sieg für uns. „加油“ (jiā yóu = gib Gas), dass es auch am Tag des Drachenbootes so gut laufen wird! Ich freue mich wahnsinnig darauf. Schon jetzt habe ich beschlossen, auch im kommenden Semester weiter zu paddeln, denn das Drachenboot-Training fördert nicht nur meine körperliche Fitness, sondern bringt darüber hinaus viel Erfüllung mit sich. Meine Drachenboot-Freunde spenden eine solche Lebensfreude und positive Energie, dass ich sie wirklich nicht missen möchte. Vielleicht sind Drachenboote ja auch was für Dich?

Black Tide im Boot

Alle für alle

Photo credits: © Matthew Saw, Gamy Wong und das Black Tide Dragonboat Team. sinonerds says thanks for your kind permission.

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Über den Autor

Jasmin Oertel

Jasmin war das erste Mal mit elf Jahren in China und hat in Peking und Hongkong gelebt. Sie hat ihren Bachelor in Chinastudien abgeschlossen und studiert nun einen Master in Taiwan. Sprachen, Fotografie, Film und Musik gehören zu ihren Leidenschaften.

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